»Was? — Sie wissen nicht, wo Sie wohnen? — Schadet nichts — immer kommen Sie mit mir — es gehen viele geduldige — Turner in eine Stube uff die paar Stunden bis es wieder Tag wird!« Und so brachte mancher Bürger oft noch ein halbes Dutzend fremde Turner außer den eignen mit nach Hause. Und Hausfrauen und Töchter machten keine bösen Gesichter. War es doch Sommerszeit und warm. Da wurden Matratzen aus den Betten gehoben und Betten auf den Dielen ausgebreitet und einträchtlich schliefen Wirth und Gäste in zwangloser Reihe durch einander, bis aufs Neue ein festlicher Tag anbrach und die Verlaufnen mit Hilfe der Festpolizei ihre Quartiere wieder ermitteln konnten.

In einen auf dem Blücherplatz unter der eisernen Bude stehenden Omnibus bettete ein väterlich gesinnter Nachtwächter in einer einzigen Nacht nach und nach sieben bezechte Turner, welche all und jedes Orientirungsvermögen total verloren hatten, und so ging es überall zu, keine Arretierungen, keine polizeiliche Einmischung; Alles wurde in Güte geordnet und — wahrlich die Polizeibehörde Leipzigs hat ihr anerkennungswerthes Vertrauen in die Festpolizei, die Turnerfeuerwehr und Rettungskompagnie nicht zu bereuen gehabt.

Mit dem üblichen Feuerwerk am 6. August ging das Fest programmmäßig zu Ende und Deutschlands Turner zogen wieder heimwärts; der Fahnenwald fiel von den Häusern, die vertrockneten Guirländen und der andere Blumenschmuck sank in den Staub, wenige Tage später war in den Straßen der Stadt nichts mehr von all dem Festesglanz zu erblicken. Nur draußen — damals weit vor der Stadt, stand noch Monate lang die verödete Festhalle inmitten der Felder auf einsamer Höhe, unweit der Stätte, wo einst Napoleon I. während der Schlacht bei Leipzig beinahe in die Hände preußischer Husaren gefallen wäre; bis auch sie fiel und die einfache Steinplatte am Rathhauseingang als einziges Andenken an jene herrlichen Tage zurückblieb. — — —

Mehr als 30 Jahre sind seit jenen Tagen vorübergerauscht. Die alten deutschen Farben: »Schwarz, Roth, Gold« wehen dem Heere des geeinigten Deutschlands nicht voran, aber doch eine Trikolore, welche in mörderischen Kämpfen ihre Bluttaufe empfing und unter der die germanischen Stämme geeint zusammenstehen — einer für den andern — alle aber zusammen — »für das theure Vaterland!« — — —

Feier der Völkerschlacht.

In demselben Jahre, in welchem das dritte deutsche Turnfest in Leipzig stattfand, vollendete sich auch ein halbes Jahrhundert seit jenen schweren aber ruhmvollen Tagen, an denen vom 16.-18. Oktober 1813 die napoleonische Macht auf Leipzigs Ebenen für immer gebrochen wurde, und die gastfreie Stadt nahm aufs Neue tausende von Ehrengästen freudig in ihren Mauern auf.

War es aber beim Turnfest meist die kraftstrotzende Jugend, welche sich einfand, so fanden sich in den Tagen vom 16.-18. Oktober 1863 tausende von Männern in Leipzig ein, auf deren Haupt der Schnee des Alters lag und unter denen nur wenige sich befanden, welche das siebenzigste Lebensjahr nicht bereits überschritten hatten.

Es war ein großer Teil der Ueberlebenden jener Männer, welche genau vor 50 Jahren Vater und Mutter, Haus und Hof, Schreibtisch, Kanzel und Werkstatt verlassen hatten, um dem Rufe des bedrängten Vaterlandes zu folgen und zu den Waffen zu greifen, und die dann im blutigen Ringen rings um Leipzigs Mauern die corsische Macht brachen und Deutschland von der eisernen Faust jenes Emporkömmlings für immer befreiten.

Waren auch seit jenen Tagen viele Tausende jener Kämpfer um die deutsche Freiheit hinweg gestorben, so waren doch immer noch mehr als 3000 dem Rufe des Comités, welches sich aus dem »Verein zur Feier des 18. Oktobers« zusammensetzte, gefolgt und aus allen Richtungen der Windrose, zum Teil aus weiter Ferne gekommen, um noch einmal jene Stätten zu sehen, an denen sie einst gestritten und gelitten, an der sie ihre Brüder fallen sahen, aber an denen sie sich auch unvergänglichen Ruhm erwarben und die ihnen allen deshalb auch ewig theuer und unvergeßlich geworden waren. —

Und die bewährte Leipziger Gastfreundschaft statuirte ein neues Exempel — mit hoher Freude nahm sie die alten Veteranen in ihren Mauern auf — treu eingedenk des Spruches: