»Wer seine alten Krieger ehrt — der ehrt sich selbst.«
Die ganze Stadt hatte zu Ehren der Veteranen einen reichen Festschmuck angelegt. Besonders historische Stätten, wie die Dresdner- und Frankfurter-Straße, erhielten ihren alten Namen, den sie zur Zeit der Schlacht geführt, wieder und das althistorische Dresdner Thor, welches die Königsberger Landwehr unter so ungeheuren Opfern erstürmte und sich dadurch den ersten Eintritt zur Stadt erzwang, ward — wenigstens als Dekoration zum Feste — genau so aufgebaut, wie es damals beim Sturm ausgesehen hatte.
Und bei dem festlichen Bankett, welches die gastfreie und dankbare Stadt den alten Kriegern gab, saß der einfache, in den Sorgen des Lebens ergraute Handarbeiter neben dem zu hohen Würden aufgestiegenen, reich dekorirten General und seine, blind und unscheinbar gewordenen alten Kriegsdenkmünzen wurden mit derselben Ehrfurcht betrachtet wie die hohen Orden seines Nachbars. Manche Thräne der Rührung und hoher Freude sah man in den Augen der gefeierten Greise und die Stadt Leipzig flocht sich einen neuen Ehrenkranz in die Geschichte ihrer Existenz.
Am 18. Oktober aber, dem entscheidenden Tage der Völkerschlacht, da stellte die Stadt den Veteranen Wagen, und in für die Alten bequemer Weise ging es hinaus zu einer Rundfahrt auf die Stätten jener vor fünfzig Jahren stattgefundenen Kämpfe, und man mußte da die alten Veteranen sehen, wie sie die Gegenden und Orte wieder erkannten, an denen sie gekämpft — wie sie zu stummem Gebet die Hände falteten oder, mit einer Thräne im Auge, manches damals gefallnen Freundes und guten Kameraden gedachten. — Auch russische damalige Mitkämpfer waren zum Feste erschienen, ebenso drei alte dekorirte Mütterchen, von denen zwei als Marketenderinnen, die dritte aber als Soldat verkleidet, die Schlacht und den Feldzug mitgemacht hatten. — — —
Damals wurde auch seitwärts des jetzigen Napoleonsteins feierlich der Grundstein zu einem Denkmal an die Völkerschlacht gelegt — wird wenigstens die hundertjährige Feier derselben das Denkmal endlich fertig sehen? — — —
XXXII.
Leipzigs frühere Feuerwehrverhältnisse.
A. Die städtische Feuerwehr.
Es ist selbstverständlich, daß man zu einer Zeit, wo man noch bei Weitem nicht mit den jetzigen Hilfsmitteln gegen Feuersgefahren versehen war, wie jetzt, bezüglich eines Schadenfeuers viel ängstlicher war wie heute. Von einer Wasserleitung im jetzigen Maaßstabe war noch keine Rede. Nur die allerdings Leipzig in besonders günstiger Weise durchkreuzenden Flüsse, und lagen diese zu entfernt, die sogenannten Röhrtröge und die Brunnen lieferten das zum Löschen nothwendige, oft nur mit vieler Mühe zu beschaffende Wasser; was namentlich zur Winterszeit, wenn Flüsse und Röhrtröge eingefroren waren, oft mit großem Zeitverlust verbunden war. Mit Recht legte man deshalb damals dem Ausbruch eines Schadenfeuers eine viel größere Bedeutung bei, wie jetzt, wo Telegraph und Telephon es bewerkstelligen, selbst großen Feuern binnen wenigen Minuten auf das Energischste auf den Leib zu rücken und dieselben durch massenhafte Ueberschwemmungen mit Wasser, womöglich schon in ihren Anfängen zu unterdrücken. Nicht ohne Lächeln denkt jetzt wohl der am Morgen erwachende ältere Bürger Leipzigs, wenn er bemerkt, daß in seiner unmittelbaren Nähe in der verflossenen Nacht ein Brand stattgefunden hat, ohne daß er in seiner Nachtruhe gestört worden ist oder überhaupt etwas bemerkt hat, an jene Zeiten zurück, in denen selbst der Ausbruch eines — wenigstens für die Jetztzeit ganz unbedeutenden Feuers — eine Alarmirung der ganzen Stadt und ihrer Vorstädte zur Folge hatte. — Es kann nicht unsere Absicht sein, eine ausführliche Geschichte des Feuerlöschwesens unserer Stadt zu schreiben, allein die früheren Einrichtungen in dieser Richtung bieten doch des Interessanten genug, daß wir wenigstens das Nothwendigste davon hervorheben, um den jetzigen und einst späteren Generationen ein, wenn auch nur gedrängtes Bild über den Unterschied zwischen damals und jetzt zu geben. — Eine Alarmirung der Stadt war damals, so wenig einleuchtend es auch Vielen dünken mag, dennoch geradezu eine Nothwendigkeit, und wenn auch in dieser Richtung nun allerdings meistens des Guten etwas zu viel gethan wurde, so dachte man damals eben mit Recht »besser zu viel als zu wenig!«
Sind doch sogar in der jetzigen Zeit mit ihren weitgehenden und vortrefflichen Löscheinrichtungen noch Brände vorgekommen, welche nur mit aller Anstrengung bekämpft werden konnten und denen sogar verschiedene Male Menschenleben zum Opfer fielen, um wie viel mehr war man es sich damals schuldig, die denkbar größte Aufmerksamkeit walten zu lassen, um die Bekämpfung eines Feuers gleich bei dessen Beginn in Angriff nehmen zu können. Damals hielt die Stadt selbst nur eine verhältnißmäßig geringe Anzahl wirklich zum Feuerlöschdienst ausgebildeter, besoldeter Feuerwehrleute, erst 60, dann 80 und später 140 Mann, welche in zwei Abtheilungen, Tag und Nacht mit einander abwechselnd, Dienst oder Feuerreserve hatten. Diese Feuerwehrleute, meistens Schuster und Schneider, hatten ihr Wachtlokal in den 40er und 50er Jahren unseres Jahrhunderts in den hüttenähnlichen Gebäuden der alten Armenschule, an der Stadtmauer nach Schloß Pleißenburg zu an der Schulgasse, genau auf demselben Grund und Boden, wo jetzt das kaufmännische Vereinshaus und die Bauhütte steht. Ein mäßig großer Mann konnte bequem mit der Hand auf das Dach dieser baufälligen Hütten langen. Hier trieben die diensthabenden Mannschaften am Tage zugleich ihr Handwerk als Schuster und Schneider und fanden, da sie selbst die verzweifeltsten Flickarbeiten bereitwilligst ausführten und die loyalsten Preise für kunstvoll eingesetzte Hosenboden oder mehr haltbare und gediegene, als künstlerisch schöne Seitenflecke für Schuhe und Stiefeln stellten, stets reichliche Arbeit. Gegen Ende der fünfziger Jahre, als die alten Schulgebäude abgerissen wurden, siedelten die Feuerwehrmänner nach der Magazingasse über, wo sie bis zur vollständigen Neuorganisation des städtischen Feuerlöschwesens verblieben. Zu diesen ständigen Feuerwehrleuten mit ihren Spritzen kamen noch etwa 130 Mann Nachtwächter, Lampenputzer (Laternenanzünder), Röhrwärter (Wasserleitungsbeamte) und Chaisen- oder Sänftenträger ebenfalls mit eigenen, vom Rathe gestellten Spritzen und die sogenannte Arbeiterkolonne, Arbeiter, von denen stets eine gewisse Anzahl Feuerreserve hatten, während welcher Zeit sie auf den Feueralarm hin, gegen entsprechende Entschädigung pro Stunde, zum Spritzendienst ausrücken mußten. Die Spritzen waren sogenannte Pariser, größere und kleinere Handspritzen und theilweise mit Zubringern. Um wenigstens für’s Erste gleich Wasser bei der Hand zu haben, standen auf verschiedenen Plätzen, sowie an vielen Straßenecken auf massiven Holzschleifen (eine Art Schlitten, welche auch früher Sommer und Winter zum Transport von Ballen und anderen Meßgütern in Leipzigs Straßen verwendet wurden und deren Schleudern oft lebensgefährlich war) befestigte riesige Tonnen, sogenannte Sturmfässer, welche stets mit Wasser gefüllt sein mußten, um eventuell sofort, durch die Pferde des damals an der Ecke des Neumarkts und der Magazingasse befindlichen städtischen Marstalls, auf den Platz des ausgebrochenen Schadenfeuers transportirt zu werden. Zu allen diesen complicirten und sicher nicht leicht in wirklich nützlicher Weise zu dirigirenden Einrichtungen kam nun noch der ebenso complicirte Apparat zur Feuermeldung selbst. Telephon gab es noch nicht, Telegraphen nur in sehr beschränktem Maaße, am meisten war es der Fall, daß beim Ausbruch eines Feuers, Einer oder Mehrere, dabei unterwegs fortwährend »Feuer« schreiend, nach der Polizeiwache am Naschmarkt lief, (andere Polizeiwachen existirten damals noch nicht) oder die Thürmer meldeten das Feuer durch die Feuerglocke. Im letzteren Falle signalisirten die Thürmer die Lage des Feuers bei Tage durch Herausstecken einer rothen Fahne nach der Richtung des Feuers zu, bei Nacht durch Heraushängung einer großen Laterne. Zugleich zeigten sie durch die Schläge der Feuerglocke in ganz kurzen Zwischenräumen an, ob das Feuer in der inneren Stadt (innerhalb des Promenadenrings), in der Vorstadt oder auf den nahen Dörfern (jetzigen Vorstädten) war und zwar indem sie jedesmal auf der Feuerglocke einen, zwei oder drei Schläge abgaben. Wenn auf diese Weise die Polizeiwache benachrichtigt war, erfolgte Mittheilung derselben an die Commandos der Garnison und der Communalgarde und nun erfolgte die allgemeine Alarmirung der ganzen Stadt. Die Nachtwächter ließen auf dem großen Horn ihre schauerlichen Feuerrufe erschallen, die Trommler der Communalgarde rasselten mit dem Generalmarsch durch die Straßen, dazwischen ertönten die Feuersignale aus den Hörnern der in Leipzig liegenden Jäger und Schützen. Die Feuerkommandos der Communalgarde und Jäger eilten, gefolgt von Sturmfässern, Zubringern und Spritzen und einer neugierigen Menschenmasse, im Trabe der Feuerstätte zu. Auf den Sammelplätzen angekommen, sammelten sich die Reserven der Communalgarden und Spritzenbedienungen. In der Nacht öffneten sich wie mit einem Schlage die Kneipen wieder, Männer, Frauen und Kinder, oft nur auf das Primitivste bekleidet, stürzten aus den Wohnungen, schiebend und geschoben, puffend und gepufft, schimpfend und geschimpft dem Orte des Schauspiels zu — um — wenn sie oft nach weitem Wege hinkamen, häufig zu erfahren, daß das Feuer längst mittelst einiger nasser Lappen gedämpft war und nun über ihre vergebliche Wanderung räsonnirend wieder heimwärtszogen. Und doch bewies die Dämpfung großer und gefährlicher Brände, welche in den vierziger und fünfziger Jahren stattfanden, wie der Brand des Hotel de Pologne, der Barfußmühle, der Thomasmühle, der Brauerei in der Windmühlenstraße, des alten Holzhofes und anderer, daß schon damals die Leipziger Feuerwehr Tüchtiges leistete. Hierzu trugen ausgesetzte Prämien für besonders gute Leistungen und vorzüglich für zuerst auf der Brandstelle eintreffende Spritzen wesentlich mit bei.
Mit dem größeren Anwachsen der Stadt erkannte man nun gar wohl die Unzulänglichkeit der zum größten Theil noch aus dem vorigen Jahrhundert datirenden Einrichtungen, und Behörden wie Bürgerschaft wurden täglich mehr davon überzeugt, daß schnelle Hülfe hier nothwendig sei. Leider ließ sich dieselbe, wenn auch dringend gewünscht und eifrig angestrebt, doch nicht ohne Weiteres beschaffen, und es mußten vor Allem die Vertreter der Gemeinde an den enormen Kosten praktischer Löscheinrichtungen und ihrer Erhaltung Anstoß nehmen; Kosten, von so bedeutender Höhe, daß sie manchen Gemeinden überhaupt unerschwinglich erscheinen mußten. Da fand sich ein Ausweg, der zum Ziele zu führen schien, und der sich auch außerordentlich praktisch bewährte: — es war die Gründung freiwilliger Feuerwehren, vorzugsweise gebildet aus der Jugend unserer Turnvereine.