Es wurde eine lange Inspektion.
Er ritt die preußischen und schlesischen Bataillone ab, beim rechten Flügel der Aufstellung anfangend, fragte sie nach allem – ob und wie und mit was sie versorgt waren –, was sie bekommen und was sie nicht bekommen hatten? Er redete mit ihnen von den alten Feldzügen, die sie gemeinsam mit ihm durchgemacht hatten, sprach wie ein Kamerad, sprach auch wie ein Vorgesetzter, schön und markig, von altpreußischem Geist, von ruhmgekrönten Fahnen und altbewährter Waffentüchtigkeit, von Treue und Pflicht, von König und Vaterland – entflammte so den Mut und den [pg 146]nimmermüden guten Willen der Braven und bekam gleich Gelegenheit, ihn auf die Probe zu stellen.
Denn noch hatte er den linken Flügel nicht abgeritten, da knatterte und ratterte es links herum am Rande des Saaletales los, und die Nachricht wurde ihm gebracht: Jena wäre geräumt und auch evakuiert – die Franzosen wären drin, und Tauentzien, der die Avantgarde befehligte, wäre auf den Landgrafenberg heraufgekommen! Leider aber fast gleichzeitig mit ihm die an Zahl weit überlegenen Franzosen, so daß er sich vom Talrand kämpfend zurückziehen mußte!
Da war kein Zweifel mehr, was zu tun war! Als alter erprobter Kriegsmann ließ der Fürst sofort Füsiliere und Jäger tiraillierend vorgehen und den Feind aus dem nächsten Forst, wo er sich festgesetzt hatte, wieder hinauswerfen. Er setzte dann preußische Grenadiere und reitende Artillerie in Marsch, um die Franzosen, die noch nicht in allzu großer Stärke auf dem Plateau sein konnten, wieder in das Saaletal hinunterzuwerfen, von dem sie, bei weniger Schlamperei und besserem Aufpassen der Vorposten, niemals hätten heraufkommen dürfen! Alles jubelte ihm zu und war des Sieges gewiß. Der Fürst wollte auch seine Tapferen in höchsteigener Person anführen und war schon im Begriff, den Befehl zum Angriff zu geben.
Da kam Massenbach, den ein ungnädiger Himmel nicht unterwegs das Genick hatte brechen lassen – da kam dieser Unglücksmensch spornstracks aus Weimar zurückgesprengt, wohin ihn ein mißgünstiges Geschick in überflüssiger Sorge um den Magen der guten Sachsen entsendet hatte! Da kam er atemlos an und brachte als erstes den strikten Befehl des Königs: unter keinen Umständen irgendeinen Angriff zu unternehmen.
Der Fürst wütete und schlug sich zornig mit der Reitgerte auf den Stiefel, als wäre der Stiefel Massenbach. Er fluchte und wetterte und beteuerte: Wenn der König hier wäre, würde er selbst zum Angriff blasen lassen! Die Gelegenheit wäre günstig, es galt die Sicherheit, ja die Existenz der ganzen Armee. Man müsse den Franzosen schnell wieder [pg 147]vom Plateau hinunterwerfen! Nach einigen Stunden wäre er zu stark, da wäre es zu spät! Also keine Zeit, erst aus Weimar Befehle einzuholen! –
Massenbach zuckte mit den Schultern, sperrte seine runden braunen Gucklöcher auf, blickte dem Fürsten unverzagt ins Gesicht und wiederholte, mit vor Ehrfurcht zitternder Stimme, den königlichen Befehl, hier keinen Angriff zu wagen, aber sofort nach Dornburg zu gehen, um die dort verlorengegangene Brücke zurückzunehmen, damit der Abmarsch der Hauptarmee ungestört vor sich gehen konnte.
Befehl ist Befehl.
Zähneknirschend fügte sich der Fürst, befahl seinen Braven, statt vorwärts auf den Feind zu gehen, links abzuschwenken und nach Dornburg zu ziehen, setzte sich selbst an die Spitze, da er nun schon das Kommando übernommen hatte, ließ die Franzosen auf dem Plateaurand bleiben und überließ es dem General Tauentzien, mit der Avantgarde die Hauptstellung zu bewachen.
Diese Stellung, vom Lager bei Kapellendorf bestimmt, war von dem übergenialen Massenbach fast mit dem Rücken gegen den Feind gewählt. Ob er es tat, um wieder einmal etwas anders und origineller als gewöhnliche Leute zu sein – um dem Feind recht nachdrücklich seine Verachtung zu zeigen –, oder aus übergroßer Höflichkeit, um es ihm recht bequem zu machen, der preußischen Armee in den Rücken zu fallen, das mag dahingestellt bleiben!