Eiliger war’s also nicht!

Ärgerlich suchte er sich Nachtquartier in einer Scheune und ging nun davor auf und ab und lauschte auf die tausend verschiedenen Laute, die, wie Hilferufe Ertrinkender, von allen Seiten aus dem Nebel herausdrangen.

Alles Leben schien von dem feuchten, klebrigen Dunst verschlungen. Fort war die stolze preußische Armee, fort die strammen Grenadiere mit ihren steif gedrehten Zöpfen und stolzen Schnauzbärten, fort die bunten Röcke der Husaren, die Harnische der Kürassiere, die wehenden Helmbüsche und blitzenden Seitengewehre! Alles war fort, alles versunken in den wogenden Nebelschwaden, aus denen das Rollen der Räder, das Wiehern der Pferde, das Rufen und Pfeifen und Trommeln immer gedämpfter herausdrang, um schließ[pg 151]lich zu verstummen, je nachdem wie die marschierenden Gruppen ihre Biwake einnahmen.

Keine Müdigkeit vermochte aber den einsamen Mann dazu zu bringen, sich auch zur Ruhe zu begeben. Am liebsten hätte er sich an die Spitze seiner „Roten“ gesetzt, wäre, auch ohne Befehl, aufs Geratewohl in den Nebel hineingaloppiert, hätte die Gegend bis zur Saale nach Franzosen abgepirscht, hätte das Kroppzeug gestellt, und, wie schon sooft, mit dem preußischen Husarensäbel traktiert.

Aber, es wollte hier alles befohlen sein! Und die Kunst des Befehlens war den wenigsten gegeben!

Der Teufel mochte auch wissen, wo seine „Roten“ biwakierten und wie weit sie zurückgeblieben waren! Ohne sie gelänge kein Streich! Die anderen von der Kavallerie, das waren eben die anderen!

Stunde um Stunde verging; die Dünste begannen allmählich eine hellere Färbung anzunehmen; irgendwo im Osten wühlte etwas Gelbliches sich mühsam Weg durch die Nebel. Hoch und höher stieg es, ohne mehr zu erreichen, als die Dichtigkeit der Dunstschleier noch anschaulicher zu machen. Ein fahles Licht war alles, was bis zur Erde durchsickern konnte, so daß man zur Not noch die Hand vor den Augen sah! Rundherum fing es aber an zu heulen und zu rufen, als zögen die alten Recken der Urzeit wiederum zur Jagd auf den Thüringer Wald, während die Räder ihrer Streitwagen ratterten, die Pferde wieherten und die Sippen folgten, unter Geschrei und Gejohle, um die erlegte Beute zu zerteilen und fortzubringen.

Das Getöse nahm zu und schwoll, vom Nebel zusammengefaßt, immer unheimlicher an.

Jetzt zogen die alten Heidengötter zum Ragnarök aus; die Midgardsschlange ringelte ihren Leib um die Welt; der Fenriswolf sperrte seinen Rachen auf; alles eilte dem Endkampf entgegen – die Götterdämmerung war da!

Und er mußte hier auf Befehle warten, statt sie selbst wie zündende Funken in den Tumult hineinzuschmettern!