Dieser hatte den Nachteil von Massenbachs dumm gewähltem Lager nach Möglichkeit wieder gutzumachen gesucht. Er hatte seinen linken Flügel linksherum auf Klein-Romstedt geworfen, bekam so die Front auf Vierzehnheiligen und kehrte, wie sich’s gehörte, dem Feinde das Gesicht zu, statt den Rücken, was ihm nachträglich gar das Lob eines großen Feldherrn eingebracht hat.

Gegen Grawert schwärmten nun die französischen Tirailleurs wie die Grasmücken aus und füllten die ganze Gegend. Ihnen war auch Artillerie beigegeben, so daß der Aufmarsch der Division Grawert im heftigsten Feuer stattfinden mußte. Trotzdem avancierten die Grenadiere so ruhig, als wären sie auf dem Exerzierplatz. Mit klingendem Spiel [pg 154]ging’s im Geschwindschritt vorwärts, so daß die Infanterie dicht hinter der auf Linien auseinandergezogenen Kavallerie blieb. Fast bis zu Vierzehnheiligen heran kamen sie. Dann ließ Hohenlohe haltmachen, um das Fallen des Nebels abzuwarten.

Der Feind indessen wartete nicht, sondern schoß wacker hinein in die wie Schießscheiben dastehenden Reihen und lichtete sie nach Kräften. Er selbst war nicht zu sehen. Hinter jeder Unebenheit des Bodens nahm er Deckung und hatte seine Kanonen so gut eingegraben, daß vom Rohre nichts zu sehen war. Da sowohl Infanterie wie Kavallerie durch diese ununterbrochene Belästigung unruhig wurden, war ja nichts natürlicher, als die letztere gleich zur Attacke anzusetzen, sie zwischen die tiraillierenden Monsieurs hineinsausen zu lassen und diese auf die preußische Infanterie zuzutreiben. Aber der Gedanke fand bei der Führung keine Gegenliebe, die Kavallerie blieb weiter auf dem Flecke als Zielscheibe und durfte ihre Säbel nicht gebrauchen.

Endlich fiel der Nebel, und vor den Augen der Tapferen tauchten die französischen Linien auf, wie sie mit klingendem Spiel zum Angriff vorgingen und weit über die beiden Flügel der Preußen hinauslangten. Hinter ihnen standen ganze Kolonnen, von denen immer mehr Leute in die Linien einschwenkten, je nachdem, wie sie sich dehnten und Lücken entstanden.

Vor der drohenden Überflügelung wankte und wich bei den Preußen alles zurück. Und wo’s zurückgeht, ist’s vorbei mit Vertrauen und Zuversicht. Hier und dort riß Unordnung ein, die Unordnung artete zur Flucht aus. Und der Franzose, nicht faul, ließ seine Kavallerie los, wo er die geringste Verwirrung witterte. Wie die Affen sausten die kleinen betrunkenen Kerls drein, fuchtelnd und schreiend, und ritten alles nieder, schon weil sie ihre eigenen Pferde nicht halten konnten.

Manch preußischer Kavallerist biß vor Wut die Zähne zusammen oder fluchte laut über die unfähige Leitung, die es gar nicht zum Dreinhauen kommen ließ! Sie raubte so den [pg 155]Preußen ihre beste Waffe, setzte sie falsch ein, zog sie in Linien aus, ließ sie im Kartätschenfeuer stehen oder nur schleichend vorrücken – etwas, was weder Leute noch Pferde aushielten. Voll Neid schielten sie zu den Sachsen hinüber deren Kavallerie, obwohl nicht besser, weit mehr leistete, weil sie besser geführt war.

Immer mehr rückte die Front der Franzosen vor, unter Trommelschlag und schmetternden Fanfaren, drückte die Mitte gegen das Dorf Vierzehnheiligen, bog den rechten Flügel um die preußische Linie herum – schob seinen linken Flügel weit über die nach Weimar führende Chaussee hinaus und umfaßte den preußischen rechten. Der Rückzug artete in Flucht aus. Die sächsischen Bataillone Maximilian, Rechten und Winkel nahmen dabei mechanisch die Fährte auf die nächste Chaussee auf, gleichviel wohin sie führte, und kamen so gen Weimar, was ganz verkehrt war. Und die Nächststehenden folgten in gleicher Richtung. Auf dem linken Flügel dagegen gingen Tauentzien und Holtzendorf auf Apolda zurück. Die Armee wurde dadurch in zwei Teile gerissen, und der Feind, nicht saumselig, schob nach, was er konnte, und förderte so nach Kräften die Trennung.

Die Ankunft des Generals Rüchel mit seinen fünfzehn Bataillonen änderte an der Niederlage nichts. Gegen die Übermacht konnte seine Armee ebensowenig an wie die Hohenlohes, der seine Soldaten keinesfalls an Tapferkeit nachstanden.

Er ließ sie in Treffen geordnet, staffelweise – „en échelons“ – vorrücken. Sie schlugen sich brav, solange es ging, wankten dann, wichen und flohen. Er selbst wurde auch, wie alle anderen Befehlshaber, verwundet und vom Strudel der Fliehenden mitgerissen. Sein ganzes Vorgehen hielt den doppelt überlegenen Feind nicht von der Verfolgung ab – es war bloß eine Einzelhandlung mehr in dieser aus lauter Teilkämpfen bestehenden Schlacht, in der großzügige Führung nur auf seiten Napoleons zu finden war.

Während dies alles sich bei Jena zutrug, war weiter nördlich auf dem Plateau hinter der Saale, bei Kösen, Blücher [pg 156]mit der Avantgarde in den Nebel hineingaloppiert. Er stieß dann plötzlich auf etwas, das er für eine Hecke ansah, bald aber als feindliche Infanterie erkennen mußte. Er segnete den Nebel, der es ihm so ermöglicht hatte, in den Rücken der feindlichen Aufstellung zu kommen, fluchte aber, weil er nicht daran gedacht hatte, den Oberbefehlshaber gleich um mehr Truppen zu bitten, und schickte den Grafen von der Goltz spornstracks zurück, um Infanterie und reitende Artillerie zu holen. Dann würde er versuchen, die feindliche Aufstellung aufzurollen, und es wäre ihm auch gelungen.