Tram – tararam, tram, tram –
Die Trommler schlugen drein, die Trompeten schallten, im Lustgarten schoß man kaiserlichen Salut, die Glocken bimmelten aus sämtlichen Kirchen, französische Fahnen flatterten überall leicht, graziös und kokett bestrickend von allen Schlössern und Staatsgebäuden und besonders reich vom Brandenburger Tor, durch das der Einzug genommen werden sollte. Der sterbende Oktober gab noch seinen schönsten Altweibersommertag her, um dem Fest die richtige Weihe zu geben. Französische Grenadiere säumten die Straßen ein. Bis weit hinaus auf die Charlottenburger Chaussee sah man die schnauzbärtigen Kerle mit ihren doppelten Bandelieren, in schnurgeraden Linien über der Brust gekreuzt, Gewehr präsentieren und sich martialisch brüsten.
Und dahinter drängte sich alles, was in einer Stadt wie Berlin kreucht und fleucht, reckte sich die Hälse lang, stieß sich die Rippen ein, zertrat sich die Füße, fluchte, lachte, johlte und schrie vor Aufregung, jenes apokalyptische Ungeheuer, das die ganze alte Welt in Trümmer geworfen hatte, endlich einmal mit Augen zu sehen.
Tram – tararam, tram, tram!
Tram – tararam, tram, tram! –
Die Tambours schlugen ihre Wirbel mit Macht, die Bläser bliesen aus vollen Backen, immer näher kam’s, immer lauter schmetterten Posaunen und Trompeten, die Pikkoloflöten wieherten, der Wind wehte die Klänge immer näher, man vernahm schon die Melodie.
„Allons enfants de la patri–i–e“, sang gleich ein blasser Ästhetenjüngling mit interessanten dunklen Stirnlocken laut irgendwo hinter dem Rücken der anderen mit – mit einer Vehemenz daß sich seine dünne Fistelstimme noch [pg 177]vor Rührung überschlug. „Das Lied – das Lied ist’s, das die Welt erobert! Überall entflammt es die Herzen, überall entfacht es die Begeisterung! Und wenn sie’s hören, empfangen die geknechteten Völker dankbar ihre Freiheit aus der Hand des Befreiers!“
„Halt’s Maul, Aff’ verfluchter!“ rief ihm ein dicker Fleischerbursche zu, und versetzte ihm einen Bauchstoß, daß ihm das Singen verging.
„Au, meine Hiehneroogen!“ kreischte schrill eine Stimme.
Eine andere gab zur Antwort: „Wennde schon Oogen in de Stiebeln hast, denn guck dir doch unten besser vor, Rindvieh!“