„Bei ihm guckt bloß de jroße Zeeh raus, und die hat keene Oogen nich! Die is blind!“ lachte ein dritter.
„Wat der uns woll noch an Steuern abknöppen wird!“ knurrte ein dicker Budiker, stieß seinen Nachbar in die Seite und zeigte auf „seinen“ Gerichtsvollzieher, der sich eben an ihm vorbeidrängelte.
„Nu wat denn?“ antwortete der Angeredete. „Der wird dir schon janz eklig kommen und nich zu knapp! Denn wat dem sein neuer Herr und Jebieter is – det Napolibum – det soll jerissener sind wie ville Jerichtsvollzieher! Det jehört woll ooch zum Jeschlecht derer von Nimm!“
Immer lauter wurde das Geschrei der Leute. Die Einzelgespräche versanken in dem allgemeinen Trubel, die Marseillaise, von dröhnenden Trommelwirbeln rhythmisch gehoben und vorwärts getragen, schwoll immer machtvoller an und erfüllte mit ihren Klängen die Luft, die Posaunen spien ganze Massen von Fanfaren aus, als gälte es die Mauern Jerichos umzublasen. – Immer näher und näher schob sich das Ereignis; ein Wald von silber- und goldgestickten Fahnen schaukelte langsam und feierlich vorwärts auf das Tor zu, durch dessen mittleren Bogen hindurch und auf die „Linden“ hinein.
Wo aber der Zug der Fahnen vorbeikam, verstummte der Lärm, die Köpfe senkten sich, die Gesichter wurden ernst, [pg 178]zornige Worte preßten sich über zusammengekniffene Lippen, die Fäuste ballten sich, die Augen wurden feucht.
Es waren – preußische Fahnen, vor allem die Feldzeichen der preußischen Garderegimenter, von Siegen schwer, von Ehren bekränzt, die in den Schlachten des Großen Friedrich einst ihre Bluttaufe erhalten hatten und jetzt, von achtzig französischen Grenadieren getragen, auf der altgewohnten Straße ihrer einstigen Triumphe dem Besieger Preußens in seiner Hauptstadt voranflattern mußten.
„Hol’ der Teufel die Schufte, die sie so schlecht verteidigt haben!“ fluchte ein alter Veteran zwischen den Zähnen.
„Nie wieder!“ schrie ein anderer und vergaß sich so weit, daß er die Faust drohend gegen die französischen Soldaten schüttelte. „Nie wieder wird euch das hier im Lande vergessen werden, solange die Welt noch steht!“
„Silence messieurs! Silence donc ici!“ wetterte es prompt aus der Reihe der spalierbildenden Soldaten, und ein paar derbe Kolbenstöße unterstützten die Mahnung. Indessen verstummte die Marseillaise plötzlich, und der Zug hielt an.
Der Kaiser Napoleon, hoch zu Pferd und umgeben von den Marschällen Berthier, Davoust, Angereau, Bessières und Lefebvre, hielt jetzt am Tor an, um die programmgemäße offizielle Begrüßung entgegenzunehmen.