Im Rathause zu Lübeck, im Audienzsaal des Senats zu ebener Erde, hinter den in Hufeisenform gestellten grüngedeckten Tischen, saßen vollzählig versammelt, auf langen [pg 189]Sofas, die Mitglieder eines Hohen Senats, in altspanischer schwarzsamtener Hoftracht mit breiten Halskrausen, die die markigen Köpfe wie auf Präsentiertellern darboten.
Hinter der Balustrade, mitten im Saal, die ragende Gestalt Blüchers, den langen Reitermantel über die Schulter zurückgeschlagen, das graue Haar sich wirr türmend über der hohen Stirn. Wie ein alter, von stürmischem Flug zerzauster Adler, wie ein Recke der Vorzeit, so mutete er an. Hoheit strahlte seine ungebeugte Gestalt aus. Ehrfurcht flößte sie jedem ein, auch den gestrengen Herren auf den Ratsbänken, die versammelt waren, um wider ihn die Rechte einer Freien Reichs- und Hansestadt zu wahren.
„Lübeck hoch in Ehren!“ sagte Blücher und erhob grüßend die Hand. „Dem Haupt der Hansa – der altberühmten Reichsstadt meinen ehrerbietigsten Gruß! Es tut mir leid, als ungebetener Gast vor einem Hohen Senat erscheinen zu müssen, und ich bedauere sehr, daß das Stadttor von uns mit Gewalt geöffnet werden mußte. Aber herein mußten wir. – Not kennt kein Gebot. Wir wurden von der Elbe ab- und hierhergedrängt. So gezwungen, einige Tage hier zu bleiben, um meine Truppen ruhen zu lassen und mit dem Nötigsten zu versehen, sichere ich einem Hohen Senat und der Bürgerschaft Lübecks die strengste Manneszucht zu und Schutz für Leben und Eigentum jedes einzelnen.
Einen Hohen Senat aber bitte ich um Gottes willen zur Verpflegung und Ausrüstung meiner Truppen, um Lieferung von fünftausend Dukaten, achtzigtausend Broten, viertausend Pfund Fleisch, dreißigtausend Flaschen Wein und Branntwein und Schuhe und Futter für fünftausend Pferde!“
Die Senatoren blickten sich ernst an.
Der präsidierende Bürgermeister, Dr. Plessing, nahm dann das Wort und erinnerte in gemessener und wohlgesetzter Rede an die allseits anerkannte Neutralität Lübecks, die durch seine Besetzung von der preußischen Armee jetzt auf das gröblichste verletzt worden war, wogegen er, in optima forma, den entschiedensten Protest hiermit einlegen wollte. [pg 190]Er bedaure aufs tiefste die tapfere preußische Armee und gäbe die Notlage zu, wolle sich auch nicht der Darstellung derselben durch ihren berühmten General verschließen, könne aber dessenungeachtet keinesfalls eine Verpflichtung zur Lieferung seitens der Freien Reichsstadt Lübeck anerkennen und erklärte, indem er sie doch nach Möglichkeit in Aussicht stellte, daß man nur der Gewalt weiche.
Blücher erhob bei den Worten sein Haupt.
„In welcher Form die Labung gegeben wird, ist mir gleich, wenn ich nur die Gewißheit habe, ohne zum Äußersten schreiten zu müssen, meine Leute hier erquicken zu können. Eins möchte ich aber doch Eurer Magnifizenz zu Gemüte führen: wenn das Nachbarhaus brennt, da hilft’s mir nicht, mich vor mein Haus hinzustellen und dem Feuer zuzurufen: ‚Dies Haus ist neutral! Da hast du nichts zu suchen, da darfst du beileibe nicht zünden!‘ – Das Feuer brennt, wo der Wind es hintreibt, und den fliegenden Funken kümmert kein Menschengebot. Ist der Krieg entfesselt, so zieht er seine Bahn. Wenn Fieber den Körper schüttelt, da nützt es nicht, der Krankheit zu sagen: ‚Die rechte Hand laß mir in Ruhe, den Kopf auch – sie sind neutral –, da darfst du nicht toben!’ Nein – da fiebert eben alles mit, ob’s will oder nicht! Das ist höhere Gewalt, meine Herren! Die Gewalt war’s, die mich zwang, Ihre Neutralität zu verletzen, und allein die Gewalt wird es wohl sein, der Sie, meine Herren, hier weichen müssen. So möchte ich es jedenfalls verstanden haben! Denn ich tue hier nichts denn meine Pflicht gegen König und Vaterland, wenn ich versuche, seine Armee zu retten und seinen Feinden möglichst lange unbequem zu werden! Und nun mit Gott!“
Er grüßte und ging.