Im Gasthaus Zum Goldenen Engel, dem Rathause gegenüber, war das Hauptquartier aufgeschlagen.

Dort saßen Scharnhorst und der Hauptmann von Müffling mit Gehilfen in emsigster Arbeit, die Verteidigung der Stadt zu ordnen.

Die Mauern standen ja noch, waren jedoch verfallen, die Wälle mit hohen Bäumen bestanden, Artillerie war nicht vorhanden. Lübeck war also eine offene Stadt, aber leicht zu verteidigen, weil von zwei Seiten von Wasser umgeben, über das nur durch die vier Tore Zugang war.

Gegen drei von ihnen, gegen das Burgtor, das Hüxtertor und das Mühlentor, zog jetzt der Feind heran. Durch das Holstentor ging Blüchers Rückzugsstraße, auf der er schon Kavallerie und Troß nach Ratkau vorangeschickt hatte, während die Trave, bis in die Gegend von Israelsdorf, durch hinter dem Fluß aufgestellte Regimenter gesichert war, und die Armee so hier vor Überflügelung geschützt wurde.

Am Burgtor kommandierte der Herzog von Braunschweig-Oels.

Sowohl Blücher wie Scharnhorst hatten bei ihrer Besichtigung dort viel zu erinnern gefunden. Die Truppen vor dem Tor und auch die Artillerie waren unzweckmäßig aufgestellt. Sie suchten, so gut es ging, die schlimmsten Mißstände abzustellen, ermahnten den Herzog, sein Fußvolk beizeiten zurückzuziehen, damit der Feind nicht gleichzeitig mit ihm durchs Tor eindrängen könnte, und kehrten ins Hauptquartier zurück.

Dort fanden sie den Leutnant von Eisenhart, der soeben aus Münster mit der geretteten westfälischen Landeskasse eingetroffen war, um sie über See weiter in Sicherheit zu bringen. Bei der Geldknappheit Blüchers war er höchst willkommen, da er ihm so über die schlimmste Not hinweghalf. Nach Abgabe einiger Fässer mit harten Talern wurde Eisenhart sogleich mit seiner Geldfuhre nach dem Holstentor vorausgeschickt, um für alle Fälle rasch damit entschlüpfen zu können, falls der Feind doch unerwartet in die Stadt eindringen sollte.

Scharnhorst fing an verschiedene eilige Angelegenheiten mit Blücher zu besprechen. Da trat plötzlich ein untersetzter, dürrer Offizier mit grämlichem Gesicht, den Arm in der Binde, auf krummen Beinen durch die Tür herein – ging [pg 192]auf Blücher zu und fing zu dessen Verblüffung an, ihn in kurzem, knarrigem Ton zu schurigeln.

„Ich hätte mir von Ihnen eine bessere Führung erwartet, General!“ sagte er. „Allerdings, Ihre Attacke bei Auerstedt war nicht berühmt! Und ich war vom Großherzog von Weimar, meinem vorigen Chef, nicht gerade verwöhnt, obwohl er für einen Prinzen ganz annehmbar funktionierte. Aber Sie lassen uns laufen und laufen ohne Ende! Unsere Leute werden marode; Tausende über Tausende sind uns bei den Gewaltmärschen der letzten drei Tage verlorengegangen. – Von meinen Jägern allein, von denen jeder Mann unersetzlich ist, vermisse ich über vierhundert!“

„Alle Wetter!“ sagte Blücher, bei Erwähnung der Jäger aufhorchend, „da sind Sie wohl der Oberst Yorck?“ und kam auf ihn zu, und betrachtete ihn mit unverhohlener Neugier, aber auch mit Wohlgefallen. Den Obersten hatte er, bei seiner Vereinigung mit dem Korps Weimar, unter seinen Befehl bekommen. Er schätzte ihn ungemein wegen seiner Tapferkeit und der geschickten Führung seiner Jäger, hatte ihm gleich den Befehl über die Nachhut überlassen und war deshalb bis jetzt nicht in persönliche Berührung mit ihm gekommen.