„Der Isegrim lebt! Der alte Dachs hat nicht ins Gras gebissen! Das dachte ich! Das wußte ich! So was Garstiges, so was Widerborstiges kriegen nicht einmal wir selbst klein! Geschweige denn die Ohnehosen mit ihren Käsemessern! Papier her – Papier und Tinte her!“
Das Fieber war fort, der Alte wie verwandelt! Das Glück im Unglück wirkte besser als alle Medikamente. Er riß Feder und Papier an sich und kratzte in dem unmöglichsten, aber von innigstem, burschikosem Humor durchtränkten Deutsch rasch ein paar Zeilen zusammen und reichte dem Hauptmann das Papier.
„Da nimm’s, mein Sohn, gibt’s den Franzosen! Das sollen sie für Yorck mitnehmen! Der alte Kerl soll wissen, daß ich ihn liebe, obwohl er mir so grob kam! – Er soll fühlen, daß noch einer da ist, der gute derbe Hiebe ein[pg 201]schätzen kann, und der den Teufel nach Höflichkeit in solchen Dingen fragt, wenn der Hieb nur sitzt! – Und auch, daß ich an ihn denke, für ihn sorge und von seinen Taten dem König genau berichten und sie ins beste Licht rücken werde!“
Müffling verbeugte sich, versprach alles getreulich zu besorgen und wagte dann an den eigentlichen Zweck seines Kommens zu erinnern – an die Kapitulation – –
Blücher blickte ihn giftig an. Es galt also doch in den sauren Apfel zu beißen.
Er spuckte dreimal verflucht aus und schrie, so gut es ging – denn er war ganz heiser von dem vielen Kommandieren der vorhergehenden Kampftage –, schrie seinen guten Hauptmann Müffling an und sagte ihm, er möge in des Teufels Namen denn das Dokument mit den Parlezvous’ abfassen! Aber deutsch, das bäte er sich aus! Denn er unterschreibe nur, was er lesen könne, und die gaskognischen Gauner und welschen Windhunde könnten ihm die Schuhsohlen lecken – er sagte etwas Schlimmeres –, sie könnten ihn dreiteilen, wenn sie wollten, und in kleine Stücke backen, aber er unterschreibe nichts, wenn nicht hoch und heilig und ehrenwörtlich drin vom französischen Marschall verbrieft und gesiegelt würde, daß der Oberst von Scharnhorst und der Oberst von Yorck – denn er lebte noch –, daß also die zwei sofort ausgewechselt werden würden und gehen könnten, wohin sie wollten! Und wohin die wollten, das wüßte er schon – aber das ginge den Franzmann nichts an!
Ohne das unterschriebe er also nicht! Und unterschriebe auch so nicht, wenn er nicht auch die Gründe angeben könne, warum in drei Millionen Teufels Namen er kapitulieren mußte! Denn daß er das nicht gutwillig täte – daß er kein solcher Schweinehund wäre, das zu tun, solange er noch ein Körnchen Pulver auf der Pfanne hätte, das brauche er ihm wohl nicht erst zu sagen?! Und freies Geleit bedinge er sich für sein Gepäck aus. Denn da wäre die westfälische Landeskasse mit drin. Die wäre keine Kriegskasse und würde nicht von der Kapitulation betroffen. Die Franzosen könnten [pg 202]sich den Mund danach lecken. Und eine Eskorte für sie sollten sie auch noch stellen. Und nun solle er sich scheren, Musje Müffling, und ihm seine Ruhe lassen! Und er bäte sich aus, durch keinerlei Rückfragen behelligt zu werden! Er hätte jetzt seine Orders – er wüßte Bescheid, er solle es gut machen – basta! –
Damit wickelte er sich in seine Decke, drehte dem Quartiermeister den Rücken und schnarchte weiter.
Nach stundenlangem Hin und Her hatten die Unterhändler endlich das schicksalsschwere Aktenstück fertig, durch das der letzte Rest des Blücherschen Korps die Waffen streckte.
Von sechzehn Bataillonen hatte Blücher nur vier aus Lübeck retten können, als die Stadt fiel, und zwei Kanonen von zweiundfünfzig! Diese vier Bataillone sollten nun die Waffen strecken – aber mit allen Kriegsehren. Mit Seitenwaffen und Kanonen, mit fliegenden Fahnen und klingendem Spiel sollten sie vor dem französischen Heere vorüberziehen, und die Offiziere sollten ihre Degen behalten dürfen. Auf die weiteren Bedingungen Blüchers waren die französischen Unterhändler auch eingegangen. Nur – die Angabe der Gründe zur Kapitulation wollten sie ihm nicht zugestehen. Das wäre gegen allen Brauch – das dürfe er nicht beanspruchen, und was sie da noch an Gegengründen vorzubringen wußten! –