„Ihr fehlt sicherlich gar nichts! Die ganze Sache ist weiter nichts als eine Äußerung der ganz gewöhnlichen weiblichen Niedertracht, die im Gemüt einer jeden Frau lauert und nach Gelegenheit sucht, sich zu entfalten. Das macht mir keine [pg 217]Sorge. Aber mit Euer Majestät sieht es bedenklich aus. Erst der Puls – dann das hörbare Klopfen eines sonst in seiner Ruhe einzigartigen Herzens – dann der Traum, wo sonst der Schlaf ganz traumlos in den wachen Zustand überzugehen pflegt! Alles Symptome der Verliebtheit, und sehr auffallend bei einem sechsunddreißigjährigen Manne, der stets, auch in den Jahren der ersten Jugendschwärmerei, zu neunundneunzig Prozent mit dem Verstand allein zu lieben pflegte! Denn dies allgewaltige Überwiegen des Gefühls, dies fast vollständige Zurückdrängen eines Verstandes, der in seinem Tätigkeitsdrang auf Erden seinesgleichen nicht hat, das sah noch keiner bei Eurer Majestät! Fürwahr – ich bin sehr neugierig, jene Schöne, die diese fast unglaubliche Handlung bewirkt hat, kennenzulernen! Denn ich glaube fast – Eure Majestät werden mehr von ihrem Schuh gedrückt als die holde Schöne selbst!“
Napoleon lachte und wollte eben etwas Lustiges antworten. Da kam wieder Constant herein und meldete gehorsamst, die Frau Gräfin hätte soeben nach ihrer Schokolade verlangt. Er fügte hinzu, daß der Oberfußarzt Seiner Majestät, der lange und sehnlichst erwartete Tobias König, endlich aus Paris in Finkenstein eingetroffen wäre.
„Es ist gut,“ antwortete der Kaiser, „Roustan soll ihn sofort zur Gräfin Walewska führen. Sie, Corvisart, gehen mit und überwachen die Operation, wenn eine nötig wird. Sie haben die Verantwortung für alles, was geschieht! – Ist mein Bad bereit?“
Constant meldete ehrerbietig, das Bad warte schon lange auf Seine Majestät, und richtete schnell den Befehl an Roustan aus.
Corvisart verbeugte sich und ging.
Der Kaiser ging ins Badezimmer, entledigte sich mit Constants Hilfe der Kleidung und wollte eben ins Wasser steigen, als Roustan herbeigestürzt kam und meldete, die Frau Gräfin wäre außer sich und verlange, den Kaiser sofort zu sehen; sie ließ sagen, sie wäre dem Sterben nahe und müsse ihn gleich sprechen!
„Fünf Chirurgen habe ich mit im Felde“, sagte der Kaiser verdrießlich und zog das Bein, das er schon über die Badewanne ausgestreckt hielt, zurück. „Fünf Chirurgen und vier Leibärzte! Ich zahle ihnen Unsummen, und sie taugen alle nichts! Wir müssen auch noch selbst die Hühneraugenoperation der holden Dame leiten, als gälte es, eine Schlacht zu lenken, müssen die Truppen kommandieren, womöglich selbst noch dreinhauen! A la bonne heure! Gehen wir! Meine Pantalons, Constant, schnell den Morgenrock! – Nackt ziehen wir auch in den Kampf nicht! Laß Roustan Vorzimmer und Korridore leeren! Keiner darf mich sehen! – So – nun noch die Pantoffeln! Und nun leuchte mir!“
Von Roustan geleitet, ging der Kaiser dann, den Kopf immer noch von dem bunten Tuch umschlungen, zu den in derselben Etage des Schlosses gelegenen Zimmern der Gräfin.
Er fand die Dame auf einer Causeuse ausgestreckt, den einen Fuß in einem goldgestickten, orientalischen Pantoffel steckend, den anderen nackt. Vor ihr kniete der alte Jude und gab sich vergebliche Mühe, an ihrem entzückenden kleinen Fuß irgendein Gebrechen zu finden. Hinter der Causeuse stand Corvisart, beide Hände auf den Stock gestützt und betrachtete durch sein Binokel all das Schöne, das sich vor seinen erstaunten Augen enthüllte, indes die schöne Gräfin eigensinnig hin und her rückte, gar nicht stillhalten wollte und die Untersuchung zu einer wahren Qual für den guten König machte.
„Sire!“ rief sie hinsterbend, „retten Sie mich aus den Händen dieses Ungeheuers! Er hat ein Messer – ich habe es gesehen – er hat ein Messer aus seinem Etui da herausgenommen! Er wird mir die Adern öffnen – wird mich ermorden! Retten Sie mich!“