„Corvisart,“ sagte Napoleon endlich, ohne vom Feuer fortzusehen, „Sie alter Schürzenjäger müssen doch mit den Frauen Bescheid wissen! Wenn sie der Schuh drückt, ohne daß sie einen anhaben – wenn sie unendliche Schmerzen leiden, ohne daß die Ärzte den geringsten Grund entdecken können – wenn die geschicktesten Scharlatane der medizinischen Wissenschaft mit all ihrem Hokuspokus nicht imstande sind, herauszufinden, was ihnen fehlt – und meine sämtlichen Leibärzte und Chirurgen, die im Felde stehen, haben sich schon vergebens bemüht, das Rätsel zu lösen –, was halten Sie denn von dieser merkwürdigen Äußerung der weiblichen Natur?“
„Sire –“, fing Corvisart an.
Aber Napoleon war es mehr darum, zu fragen, als Antworten zu hören, die er sich selbst viel besser als irgendein anderer geben konnte. Er faßte Corvisart bei der Hand und sprach weiter, immer noch ins Feuer starrend.
„Corvisart,“ fragte er, „haben Sie jemals geträumt? Heute nacht träumte ich, sonderbar, ganz merkwürdig! Die Gräfin Walewska war bei mir, hier im Zimmer. Sie hielt die Hände in den Taschen ihrer Jacke und stand mit dem Rücken gegen den Kamin. Sie war aber nicht so sanft, auch nicht so lustig und ausgelassen, wie sie es zuweilen sein kann! Sie hatte vielmehr etwas Hinterhältiges an sich, das ich gar nicht bei ihr kenne, und blickte mich ganz merkwürdig an, [pg 216]indessen ihre Rechte immer weiter in der Tasche grub und drinnen mit einem Gegenstand hantierte.
Das machte mich mißtrauisch. Blitzschnell packte ich ihre Hand und fühlte durch den Stoff eine Pistole – die sie vom Stoff gedeckt auf mich richtete und abzudrücken versuchte. Ich, nicht saumselig, wandte die Mündung der Waffe gegen sie und drückte ab. Aber der Schuß versagte.
Dann nahm sie mir die Pistole aus der Hand.
‚Soll ich dich lehren, mit ihr umzugehen?!‘ sagte sie lachend, eilte ans Fenster, schlug es auf, zielte auf meine Armee, die hier draußen Parade stand, und drückte ab. Wie ein Feuerstrom ging es von der Mündung der kleinen, kinderspielzeugähnlichen Waffe aus und sprudelte gegen die Truppen hin. Und wo die Feuergarben trafen, sanken sie hin. Meine schönen Grenadiere, meine Jäger und Dragoner schmolzen vor meinen Augen wie Bleisoldaten im Feuer und waren im selben Augenblick wie von der Erde vertilgt.
Ich riß ihr die Waffe aus der Hand; sie lachte aber nur!
Ich zog sie mit mir, zwang sie auf die Causeuse da nieder, setzte mich neben sie und nahm ihre Hand. Wie ich sie dann anblickte, verwandelte sich ihr Gesicht, wurde katzenähnlich, mit langen Haaren um den Mund – ich entsetzte mich vor ihr. Ich zankte sie aus, weil sie mich hatte ermorden wollen und sagte ihr, sie sei das niederträchtigste Weib, was ich jemals auf Erden kennengelernt habe.
Da nahm sie schnell ihr wirkliches Gesicht wieder an; ihre Augen standen voll Tränen, und schluchzend gestand sie mir, sie hätte sich rächen wollen, weil ihr Fuß sie schmerzte und weil ich, der ich schuld daran wäre, ihr keine Linderung ihres Schmerzes gebracht habe. – Ich dachte an dich, Corvisart, ich wollte dich rufen. – Da weckte mich Constant, und auf einmal warst du da! Nun sollst du mir die Sache ins reine bringen und mir sagen, was ihr fehlt.“