Napoleon lächelte, hörte nicht und schien immer noch an etwas sehr Angenehmes zu denken.

Corvisart nahm wieder das Wort.

„Majestät“, sagte er in ernstem, vorwurfsvollem Ton. „Zehn Pulsschläge mehr als üblich und ein hörbarer Herzschlag! Bedenklich, sehr bedenklich! Das zeugt von einem noch nie dagewesenen Nachlassen der Energie und der Willenskraft! Wir regieren nicht mehr. Seit Monaten machen wir [pg 214]nicht mehr Weltgeschichte! Sonst vergeht kein Tag, ohne daß Throne wanken, Dynastien in Nichts versinken, neue erstehen und Völker befreit werden. Und jetzt diese plötzliche Stille, diese Untätigkeit! Wir verstecken uns hier in diesem unwirtlichen, östlichen Nest. Wir leben solide, brav, untätig wie ein spießbürgerlicher Rentenempfänger – wir sind taub und blind, verschließen uns der Welt, träumen, lächeln still in uns hinein! Das kann doch unmöglich die Reaktion auf den fabelhaft schnellen Sieg über Preußen sein? Wenn ich nicht wüßte, wie leger – wie en canaille Eure Majestät stets das schöne Geschlecht zu nehmen pflegen, ich würde fragen: où est la femme?“

Napoleon hörte auch jetzt nicht zu. Er lag da wie vorhin, immer noch dieselben angenehmen Gedanken hin und her wälzend.

Corvisart schüttelte immer ernster sein graues Haupt, streckte die Hand nach seinem Stock aus und wollte gehen, um Constant über die bedenklichen Symptome näher auszufragen.

Als hätte sein Denken an Constant Napoleon angesteckt, setzte er sich gleich im Bett auf und rief: „Constant!“ und nahm, da dieser nicht gleich erschien, die Glocke vom Tisch und klingelte ungeduldig.

Constant erschien, ein mit Briefen und Depeschen vollbeladenes Tablett in der Hand.

„Ist sie noch nicht wach?“ fragte Napoleon ungeduldig.

„Die Frau Gräfin schläft noch!“ antwortete Constant und stellte sein Tablett auf den Kaminsims.

„Meinen Schlafrock!“ rief der Kaiser, warf die Decke zurück und schlüpfte rasch in die ihm gereichten weißen Pantalons und den Morgenrock aus weißer Wolle, ließ sich ein Paar ausgetretene rote Pantoffeln anziehen und setzte sich in einen rasch herbeigeschobenen Sessel ans Feuer. Er nippte einmal an der ihm gereichten silbernen Tasse, schob sie dann von sich, streckte die Hand aus, nahm von dem ihm durch Constant dargebotenen Tablett einen Brief, machte ihn auf, [pg 215]warf ihn auf den Teppich, machte noch einen auf, las ihn flüchtig durch und legte ihn auf einen neben dem Kamin stehenden Tisch. – Er schob dann das Tablett zurück, was einen Austausch erstaunter Blicke zwischen Kammerdiener und Leibarzt zur Folge hatte, streckte die Füße so nahe wie möglich an den Ofen heran und starrte eine Weile ins Feuer. Constant machte noch einen schüchternen Versuch, seine Teilnahme zu erwecken. Er reichte ihm die soeben eingegangenen Zeitungen, nach denen er sonst begierig zu greifen pflegte, aber vergebens! Auch die Liste der im Vorraum auf Audienz wartenden Personen wurde keines Blickes gewürdigt.