„Du wirst nicht versäumen, es mir sofort zu sagen, wenn sie wach ist, mein Sohn!“ sagte er kurz. „Ehe du das nicht besorgt hast, brauchst du mir weiter nichts zu berichten!“

Constant wollte trotzdem ein paar Worte über irgendeine dringende Sache wagen, da öffnete sich die Tür, und ein freundlich lächelnder, schon ergrauter, aber ungemein jovial und heiter blickender Herr in reicher goldgestickter Hoftracht, einen kostbaren Stock in der Hand, kam herein und trat ohne Zeremonie an das Bett heran.

Er schien etwas erstaunt, vom Kaiser weder bemerkt, noch eines Grußes gewürdigt zu werden, fand sich aber rasch damit ab, stellte seinen Stock an den Bettpfosten, ergriff die Hand des Kaisers, blickte nach seiner Uhr und zählte aufmerksam die Pulsschläge.

„Zehn Schläge mehr als gewöhnlich“, sagte er kopfschüttelnd und steckte die Uhr ein. „Sonderbar!“

Napoleon blickte ihn groß an. Er hatte etwas Abwesendes im Blick, was bei ihm sonst niemals zu bemerken war. Die Pupille, sonst groß, so daß das Auge fast schwarz erschien, war jetzt zusammengezogen, daß die Augen in einem satten, sanften Dunkelblau schimmerten. Es schien ihm Anstrengung zu machen, sich zu zwingen, etwas mit Bewußtsein anzublicken. Irgendwelche Träume, irgendwelche Visionen hielten noch die Sehkraft in ihrem Bann. Endlich war er mit dem Vorgang im reinen.

„Corvisart?“ sagte er leise, mit einem Tonfall, den der Arzt noch niemals gehört, und der gar nichts von der sarkastischen, übermütig neckenden Art hatte, die dem Kaiser sonst beliebte. „Heute ist weder Mittwoch noch Sonnabend! – Wieso kommen Sie zu mir, und wo kommen Sie her? Sie sind doch in Paris. Haben Sie denn dort schon alle Ihre Patienten unter die Erde gebracht? Haben Sie vor den Dankbezeigungen der glücklichen Erben fliehen müssen? Gestehen Sie’s gleich und ohne Umschweife, wie viele Leben haben Sie heute auf dem Gewissen?“

„Lange nicht so viele wie Eure Majestät!“ antwortete Corvisart, rasch den üblichen Gesprächston zwischen ihnen aufgreifend.

Aber Napoleon war wieder mit den Gedanken anderswo. Weder hörte er die Antwort, noch warf er ihm ein rasches Scherzwort an den Kopf, auch kniff er ihn nicht ins Ohr – und das war entschieden ein äußerst ernstes Symptom! Und die paar Worte der Begrüßung! Wie matt, wie abwesend, fast automatisch und mehr aus alter Gewohnheit hatte er seine alten Scherze wieder abgeleiert!

Der Leibarzt schüttelte den Kopf. Dann, rasch entschlossen, strich er die Bettdecke zurück, legte sein Ohr an des Kaisers Brust, horchte, sah erstaunt auf, horchte nochmals, richtete sich dann auf und blickte den Kaiser ernst an.

„Wahrhaftig – man hört es schlagen! Man hört das Herz Napoleons! Solange ich die Ehre habe, für die Gesundheit Eurer Majestät verantwortlich zu sein, ist es das erstemal, daß ich das erlebe! Das ist ein ernstes – ein sehr ernstes Symptom!“