„Daß der König den General von Bülow zu seinem Stellvertreter im Kommando ernannt hatte! Und auch zu seinem Nachfolger, falls er nicht wieder gesund werden sollte. Das war das beste Gegengift gegen seine Krankheit. Sofort packte ihn die Wut; er war auf den Beinen, schwang die Fuchtel, führte wieder die Geschäfte und genas –, aus reinem Trotz, und um Bülow recht zu ärgern. Das ist nun mein Glaube. Denn seine Wut auf Bülow war unbeschreiblich. Und seitdem kann er ihn nicht mehr leiden.“
Frau von Bonin lachte.
„Ja, so ist er,“ sagte die Generalin, „die Tätigkeit ist sein Leben. Er krankt nach ihr und ist immer fertig zum Explodieren, wenn sie ihm beschränkt wird. Dann will er gleich [pg 282]alles hinwerfen, in fremde Dienste gehen, verlangt seinen Abschied und bekommt ihn nicht und schöpft daraus neue Hoffnung, endlich tätig sein zu dürfen, wie er will! Und ist es damit wieder nichts, dann wird er von neuem gallig, bitter, niederträchtig, halb wahnsinnig, er verkümmert, altert, ist fertig mit dem Leben und kann sich doch nicht vom Dienst losreißen, weil er immer noch hofft, immer noch einen Funken vom Kinderglauben an seine ihm vom Himmel gegebene Sendung hat!“ –
Sie wurde unterbrochen.
Ein Wagen fuhr rasselnd am Hause vor, und im nächsten Augenblick stand Blücher im Zimmer.
Er war ganz verwandelt. Frisch wie ein Fisch im Wasser und voll von Hoffnung und Zukunftsplänen.
„Das will nun ein in Ungnaden entlassener General sein!“ lachte Frau von Bonin.
„Was, Ungnaden!“ erwiderte Blücher übermütig. „Die Ungnade ist nur eine Komödie, um Napoleon zu täuschen. Ich stehe oben besser angeschrieben als je. Der König war sehr gnädig –, er war sogar sehr traurig. Ich habe ihn über meine Entlassung trösten müssen. So liegt die Sache. Und das ist ein ganz anderer Kasus als damals, wo ich vom Alten Fritz meinen Abschied erhielt. Du weißt, Malchen, vierzehn Jahre habe ich nachher auf Wiedereinstellung warten müssen. Und daß ich das mußte, das hielt mich nachher stets zurück, sooft ich meinen Abschied nehmen wollte! Vierzehn Wartejahre kann man sich in meinen Jahren nicht mehr leisten –, da schluckt man lieber so manches herunter. Man soll eben seiner Sache treu bleiben, Malchen –, Treue halten im Bösen wie im Guten! Dann bleibt sie einem auch treu!
Jetzt hat mir der König wegen Ungehorsams gegen seinen Befehl, die Befestigungsarbeiten in Kolberg einzustellen, den Laufpaß gegeben. Er denkt, er muß es aus Rücksicht auf Napoleon tun. Er wird mich aber wiederhaben wollen und wird mich auch holen, sobald die Zeit da ist. Meiner Sache bin ich sicher –, ich war’s niemals so sehr wie jetzt, wo ich [pg 283]eigentlich gar nichts mehr mit ihr zu tun habe. Jetzt erst fühle ich, wie unlöslich ich mit meiner Aufgabe im Leben verwachsen bin.
Nichts kann sie mir nehmen. Bestimmung ist Bestimmung. Was kommen soll, kommt. Kein König und auch kein Kaiser kann mir mit seinem Machtwort nehmen, was mir von allem Anfang an als mein Ureigenstes gehörte, ebensowenig, wie er’s mir verleihen konnte.