„Nun, gern beißt keiner in den sauern Apfel! Aber du weißt, die Männer stellen sich immer ein bißchen an. Als er die königliche Botschaft bekam, hat er laut gelacht, daß ich einen Schrecken kriegte. ‚Endlich einmal ein Entschluß am Allerhöchsten Ort!‘ hat er dann gesagt. ‚Das ist immerhin eine Besserung! Hätte ich sooft kapitulieren wollen wie Kalckreuth, hätte ich Danzig verloren, hätte ich so brav, wie er, vor dem Franzmann gedienert und mir sagen lassen: ‚Sie sind nicht zum Unterhandeln, sondern zum Unterschreiben da‘, und hätte ich dann unterschrieben und meinem Land einen schmachvollen Frieden um jeden Preis verschafft – ich wäre Generalfeldmarschall geworden, wie er, und [pg 280]hätte die höchsten Ehren genossen. Nun habe ich aber dem König sein Land wiedergewinnen wollen, ich habe geholfen, zu rüsten, Festungen zu bauen, Armeen auf die Beine zu stellen und den Leuten Mut und Vertrauen auf die Zukunft einzuflößen. Und der Dank ist nun – ein Fußtritt des Königs auf Befehl Napoleons!‘ – So hat er geredet.“

„Recht hat er!“ sagte Frau von Bonin.

„Das meine ich auch“, antwortete die Generalin. „Aber wenn mir trotzdem nicht ganz rosenrot zumute ist, ist’s kein Wunder! Er ist ja gewohnt, rastlos tätig zu sein. Überall hatte er seine Finger mit im Spiel. An den Arbeiten der Armeereorganisationskommission nahm er so eifrig teil, als wäre er mit drin gewesen. Er schrieb und empfing alle Tage Briefe, hatte seine Berichterstatter überall im Lande und auch im Ausland, wußte stets mit allem Bescheid, saß immer wieder dem König und der Regierung im Nacken und regte sich maßlos auf, wenn dann nicht alles nach seinem Kopfe ging. Ich habe mich manchmal über die Geduld des Königs gewundert.“

„Der König hält große Stücke auf ihn!“

„Gewiß! Das wußte er auch und – mißbrauchte es deshalb vielleicht nicht ungern. Immer ging es ja nicht gut. Einmal kam eine Beförderung, ein andermal eine gehörige Nase, und alles beides kümmerte ihn wenig. Nur einmal wurde er ganz niedergeschlagen und war lange nicht mehr zu etwas zu gebrauchen. Das war, als er unseren guten Eisenhart zum König schickte, um ihn seine Wünsche mündlich vortragen zu lassen. Denn selbst durfte er nicht hin –, du weißt ja: persönlich kann gegen ihn keiner aufkommen, und man fürchtete wohl seine Überredungsgabe. Aber Eisenhart hat auch ein gutes Mundwerk, und da schickte er also den nach Königsberg, um den König zu überzeugen, daß sich auf den ersten Ruf in Preußen schnell hunderttausend Mann versammeln würden, wenn der König nur wollte, und daß Österreich bereits vierhunderttausend Mann schlagfertig hätte, um gemeinsame Sache mit uns zu machen, und was noch mehr. Da antwortete der König: in Preußen fehle es an dem [pg 281]Führer einer Armee von hundertfünfzigtausend Mann! Meinem Mann ließ er diese Antwort geben!“

„Nicht möglich!“

„Das hat er sich sagen lassen müssen, als ob er überhaupt nicht da wäre! Und auch, daß er sich um alles in der Welt ruhig verhalten möchte! Er und ruhig! Er wurde krank – na, du weißt ja, wie’s lange Zeit um ihn stand! So niedergeschlagen habe ich ihn niemals gesehen, solange unsere Ehe dauert. Er war ganz unerträglich –, ich habe meine liebe Not mit ihm gehabt!“

„Du Ärmste!“

„Nun, das war nichts gegen das, was er selbst litt. Er nahm ab, wurde dürr wie ein Skelett, schlief die Nächte nicht, hatte Halluzinationen, sah Gespenster am hellen Tage, aß nichts, trank nichts als Kaffee und – ob du’s glaubst oder nicht – rührte auch nicht einmal die Pfeife an. Ich glaubte schon das Schlimmste erwarten zu müssen. Da auf einmal nahm’s eine Wendung zum Besseren. Der Appetit kam wieder, er aß wie ein wildes Tier, trank und fluchte und rauchte wie sonst. In ganz kurzer Zeit, so geschwind, wie’s nur bei ihm geht, war er obenauf! Weißt du, was ihn so schnell kurierte?“

„Nun?“