„Nun,“ sagte Yorck, „Er hat’s doch auch vor sieben Jahren miterlebt, wie nach Jena auf uns preußische Offiziere geschimpft wurde!
Kein gutes Haar ließ man mehr an uns – kein Wort war schimpflich genug, um unsere Feigheit und Würdelosigkeit zu bezeichnen. Und wer schimpfte? Nun, eben jene braven Bürgersleute, die am Brandenburger Tor Napoleon die Schuhsohlen leckten und nachher nicht schnell genug nach dem Schloß vorauseilen konnten, um ihn dort nochmals ebenso unterwürfig zu empfangen. Wer schimpfte aber auf [pg 318]die? Wer sagte auch nur ein böses Wort, als jene Speichellecker dem Sieger zuliebe ihre sogenannten ‚Nationalgarden‘ errichteten, damit er keine Garnisonen in den Städten zu halten brauchte? Wer entrüstete sich darüber, daß jene Garden ihm halfen, die Kontributionen einzutreiben, oder weil die Söhne der reicheren Bürgersleute sich in grüngoldene Uniformen steckten, um als berittene Boten und Dolmetscher bei den französischen Kommandanten Dienst zu tun? Sagte einer auch nur ein Wort darüber, daß unsere Beamten während der Okkupation brav und bieder weiteramtierten, als sei Napoleon ihr rechtmäßiger Herrscher, und ihm halfen, die Einnahmequellen des Staates aufzufinden? Nein. Aber die preußischen Offiziere, die mußten ihre Haut lassen. Nun – heute haben sie das besorgt, wenn auch nicht als Sündenböcke, und den Herrn Napoleon haben sie bedient – aber in anderer Weise, so wie’s deutschen Männern ziemt. Und wenn sie’s damals vor Jena und Auerstedt nicht so gut taten – Henckell – ich sag’s Ihm ganz offen – dann lag’s eben an unserer hundsmiserablen, rückenmarkslosen Regierung, die wir hatten und noch haben, und die nicht regiert, sondern sich mit dem Strom treiben läßt. Na, heute haben nicht die Franzosen, sondern wir Soldaten sie ins Schlepptau genommen, und sie muß mit dahin, wo das Heil des Volkes zu finden ist. Aber es ist ein saures Stück Arbeit.“
Er schwieg. Er dachte an den Tag von Tauroggen, auf den er mit gerechtem Stolz zurückblicken konnte – dachte an des Königs Wut, weil in „seinen“ Landen jemand gewagt hatte, einen Entschluß zu fassen und zur Tat werden zu lassen, wo er selbst es nicht wagte! Er dachte an seine Absetzung und Stellung vor ein Kriegsgericht, von der er nur durch die Zeitungen erfuhr, weil die Russen, mit denen er paktiert hatte, die königlichen Kuriere abfingen und zurückhielten, so daß er sich um jene Kabinettsorder nicht zu kümmern brauchte. Bis der König nicht mehr zu bremsen wagte, weil er sah und sich sagen mußte: „Das ganze Volk steht auf und fegt dich fort, wenn du jetzt nicht mitgehst!“
Da appellierte er „an sein Volk“, das längst ohne das in [pg 319]Bewegung gekommen war! Und sein Volk vergaß und gab sein Letztes: Besitz, Blut, Leben, alles her!
An all das dachte der alte Isegrim wieder einmal und mit besonderer Genugtuung, wie immer.
„An der Regierung liegt’s“, sagte er dann nochmals mit Nachdruck. „Und über ihr Haupt kommt all das Blut, das in diesem Kriege unnütz vergossen wird!
Diese ganze Schlächterei jetzt wäre überflüssig gewesen, und mancher brave Mann hätte zum Besten des Vaterlandes noch lange leben können, wenn die Regierung ihre Pflicht getan und sich zur rechten Zeit zur Tat aufgerafft hätte! Wie haben wir anderen im vorigen Jahr, als die Trümmer der großen französischen Armee durchs Land zogen, beim König und beim Staatskanzler Hardenberg gebettelt.
‚Laßt doch die Marschälle und die paar tausend Offiziere aufgreifen, laßt sie festsetzen! Das ist jetzt mit Leichtigkeit und ohne Blutvergießen zu machen!‘
So haben wir gebeten. Aber nein – da mußte gleich nobel getan und mit Anstand und Menschenliebe geprahlt werden.
Die Leute wurden gefüttert, gepflegt, gekleidet, Geld und Vorspann wurde ihnen geliefert, damit sie heil und munter in ihr Land zurückkehren könnten, um dort gleich ihrem Kaiser zu helfen, eine Armee gegen uns auf die Beine zu stellen.