„Un moment!“ sagte er dann und fragte, sich an seinen Adjutanten wendend: „Wo waren wir eigentlich? – Die [pg 327]schwere Artillerie Tillys stand also auf dieser Anhöhe? Und Gustav Adolf machte dort drüben eine Linksbewegung, um sich der drohenden Überflügelung zu entziehen – n’est-ce pas? Er setzte sich an die Spitze seiner ‚Blauen‘ und seiner ‚Gelben‘ – – –“

Und so ließ er ungeniert die berühmte Schlacht bei Breitenfeld im Dreißigjährigen Kriege weitergehen, trotz der schon mit voller Gewalt um ihn tobenden Leipziger Völkerschlacht. Denn ein rechter Schlachtenlenker läßt sich durch nichts verblüffen und verliert niemals seine Ruhe.

Blücher, der immer noch kein Französisch verstand, blickte bald Prinz Wilhelm, bald Major Rühle an, die nur schwer ihre Munterkeit verbeißen konnten, und fragte: „Was redet er? Er spricht von Gustav Adolf! Er redet von Tilly! Was gehen die mich an? Die sind alle beide längst vermodert! Heute heißt’s Napoleon oder kein Napoleon! Und der Monsieur dort soll mir Antwort auf meine Frage geben, warum er mich im Stich läßt?! Auch eine Zumutung vom Großen Hauptquartier, mich, der ich kein Wort Französisch kann, mit einem General zusammenzukoppeln, der kein Deutsch spricht! Weder kann er mich, noch kann ich ihn kommandieren! Was mache ich nun mit dem Kerl? Auf so’ne hahnebüchene Idee konnte nur ein Französling wie Knesebeck kommen!“

Bernadotte unterbrach noch einmal die Schlacht bei Breitenfeld, ritt an Major Rühle heran und fragte höflich nach den Wünschen des Generals von Blücher. Und ob ihm etwas zugestoßen wäre? Er wäre ja so aufgeregt!

Major Rühle gab denn aus eigenem dem Kronprinzen Bescheid über den Anlaß zum frühen Morgenritt, nämlich: den Kronprinzen zu bewegen, mit der Nordarmee schnellstens über die Parthe zu gehen, östlich von Leipzig in die Lücke zwischen der Hauptarmee und der Schlesischen Armee einzurücken und so zu helfen den Ring um Napoleon zu schließen und ihn dann mit aller Macht anzugreifen.

Bernadotte schüttelte den Kopf. Er war mitten in der Kriegsgeschichte drin, die andere gemacht hatten. Und nun [pg 328]stellte man plötzlich die Forderung an ihn: er solle selbst Geschichte machen! Geschichte demonstrieren, ja, damit könnte er dienen! Und damit fing er denn auch richtig an.

Er wies nach, daß derartige Einkreisungsmanöver in der Geschichte selten oder niemals gelungen wären. Sie waren in den meisten Fällen nur zum Nachteil des Angreifers ausgefallen! Und jetzt, mit einem Gegner wie Napoleon, und ohne ihm einen zweiten Napoleon entgegenstellen zu können, das wäre aussichtslos! Dem Hannibal war das einmal bei Cannä gelungen, aber auch ihm nur das eine Mal!

Und Napoleon! Der kannte dies Terrain besser als jeder andere – ja besser als die Einheimischen selbst! Der hatte, als junger Mensch, Europas Karte buchstäblich in sich hineingefressen! Sein Gehirn trug sämtliche Berge, Flüsse und Täler des Kontinents im Abdruck! Städte, Flecken, Burgen, Schlösser, Wege, Defileen – alles hatte er im Kopfe! Es existierte nichts, worüber er nicht Bescheid wußte! Er war ein Genie in der Ausnützung aller Möglichkeiten! Gerade da, wo man es am wenigsten erwartete, sausten seine Schläge nieder mit der Plötzlichkeit eines Donnerschlages! Nun, man würde ja sehen! „Hier, im Norden, wird er durchzubrechen suchen, wenn ich ihn recht kenne“, setzte der Kronprinz seinen Vortrag fort. „Alles spricht dafür! Er muß nach Norden debouchieren! Den Plan, auf Berlin zu gehen, hat er nur scheinbar fallenlassen! Er hat ja noch die wichtigsten Elbfestungen: Dresden, Magdeburg, Hamburg. Er hat an der Oder: Küstrin, Stettin – hat Danzig, hat große Garnisonen überall, mit denen er sich verstärken und unserer Herr werden kann! Er wird hier an Breitenfeld vorbei durchbrechen – und mir zugleich meine einzige Rückzugslinie auf Stralsund abschneiden. Dem kann ich mich nicht aussetzen. Er würde mich einkreisen! – – Nun – mit dem Kronprinzen von Schweden würde er einen ganz guten Fang tun!“

„Geb Gott, er nähme ihn! Wir geben ihn ihm mit Kußhand wieder!“ sagte Blücher grob, als Rühle ihm das alles verdolmetscht hatte. Es kochte in ihm vor Wut, seine kost[pg 329]bare Zeit mit solchem Tratsch vertrödelt zu sehen, und er schrie noch hochrot im Gesicht vor Zorn: „Der Kronprinz denkt wohl am Ende, wir haben ihn uns kommen lassen, damit er uns den Napoleon erklärt und uns angst und bange vor ihm macht?! Herr, solche Bangbuxen haben wir ohne ihn mehr als genug. Wir brauchen nicht noch einen zu importieren! Er soll seine Pflicht tun! Er soll sich auf seinen Platz in der Schlachtordnung begeben und sich schlagen, wie’s einem Mann geziemt! Basta!“

Major Rühle übersetzte das in parlamentarische Ausdrücke und behauptete mit eiserner Stirn: der General ließe den Kronprinzen doch freundlichst bitten, seiner Armee Befehl zum Aufmarsch zu geben. Worauf Bernadotte, der sich Blücher gegenüber in der glücklichen Lage eines Tauben befand, der nichts zu verstehen brauchte, artig antwortete: er wäre gern – und besonders seinem alten Freunde Blücher gegenüber – gefällig! Jedoch die Klugheit gebiete ihm, lieber hinter dem linken Flügel der Schlesischen Armee stehenzubleiben, um Napoleon in die Flanke zu fallen, falls er hier durchbrechen sollte.