Er war infolgedessen, im Rate der drei Monarchen, die unbestrittene Autorität in allen militärischen Dingen, deren Entscheidung für gewöhnlich den Ausschlag gab.
Er ging heute ganz in der Betrachtung des Schauspiels auf, das sich vor ihm abspielte, übte Kritik und gab Befehle und Anregungen.
Um ihn herum war ein Kommen und Gehen, ein Gewirr von Stimmen, eine Aufregung, eine Verzückung, alles tat, als ob ihm göttliche Offenbarungen zuströmten, und er selbst gab sich auch ungeniert und mit Grazie den Anschein, das Ganze zu leiten.
Der König von Preußen trug immer noch seine alte, verdrießliche, gelangweilte Miene zur Schau und schien von geheimem Ärger über irgend etwas Unaussprechliches geplagt zu sein. Seine Blicke glitten immer wieder musternd über die Uniform des neben ihm stehenden Generals von Knesebeck, zählten die Knöpfe an seiner Hosennaht von unten bis oben, von oben bis unten, und er genoß dabei im geheimen die Wonne tödlichen Gekränktseins über die Unverschämtheit Napoleons, ihn bei ihrem ersten Zusammentreffen auf dem Memelfluß zu fragen, ob er all die Knöpfe an seiner Hosennaht immer auf- und zuknöpfen müßte! –
Nun, heute würde dem Korsen wohl das und so vieles andere mit Zinsen heimgezahlt werden!
Kaiser Franz in weißem Uniformrock und roten Hosen, hager und vertrocknet, mit dem langweiligen nichtssagenden Gesicht eines im Staub der Akten am besten gedeihenden Kanzleimenschen, saß aufrecht im dritten Stuhl.
Ihm war’s nicht ganz behaglich hier draußen, mitten im Trubel großer Geschehnisse. Ihm wäre viel wohler am [pg 334]Schreibtisch in seinem Arbeitszimmer zu Schönbrunn, wo er nach Herzenslust Randbemerkungen und Verfügungen in all die Gesuche um Gnadenbewilligungen höchst eigenhändig einzeichnen konnte.
So etwas mußte täglich erledigt werden, sonst häufte sich das an! Und kein anderer durfte das besorgen. Wer weiß, was ihm sonst an persönlichem Tratsch verlorengehen würde – und jetzt unwiderbringlich verlorenging, solange er im Felde war!
Die ganze Kriegführung war ihm mit der Zeit herzlich gleichgültig geworden. Es gab am Ende ja doch nur Niederlagen, wie oft man auch siegte! Nach einem Aspern immer ein Wagram! Gegen Napoleon war ja nicht aufzukommen!
„Kutschera!“ rief er, und setzte sich noch gerader auf, so daß die Falten in seinem graublassen Gesicht sich in gestrenge, senkrecht verlaufende Parallelen legten. „Schauen’s a mal nach mei Reitpferd nach! Ob’s auch parat ist? Vorgestern, bei Güldengossa, wär’s fast schief gange! Und heut – man kann ja net wisse!“