Sie hatten alle beide plötzlich die Sicherheit eingebüßt! Ihre Kraft schien erlahmt zu sein! –
Sonst schoben sie um des großen Zieles willen jedes Bedenken beiseite und zwangen die Soldaten zu den größten Strapazen. Jetzt aber häuften sie Bedenken über Bedenken und waren ängstlich darauf bedacht, ihre Leute zu schonen!
Yorck hatte laut lachen müssen, als Gneisenau ihm in allem Ernst erklärte, man müsse die Truppen schonen, damit der König bei den Friedensverhandlungen noch eine Armee hätte, um sie in die Wagschale werfen zu können! Daran dachte der gute Gneisenau sonst gewiß nicht!
Er war sonst stets von hochfliegenden strategischen Plänen und genialen Entwürfen so erfüllt, daß eine solche Kleinigkeit wie ein Menschenleben mehr oder weniger ihn nicht im geringsten kümmerte.
Und jetzt auf einmal die diplomatischen Schmerzen!
War er kopfscheu geworden, als er die wohlgenährten, gut gekleideten und tadellos ausgerüsteten Soldaten Bülows sah, die trotzdem auf glänzende Siege in Holland zurückblicken [pg 368]durften – und neben ihnen die verhungerten, abgerissenen, zerlumpten Schlesier Yorcks, die wie die „Grasteufel“ aussahen, und, ungeachtet aller Strapazen, in der letzten Zeit doch nur Niederlagen gehabt hatten?
Sei’s wie es sei, jedenfalls hatte Gneisenau stillschweigend sein Unrecht zugegeben, und das erfüllte Yorcks Seele mit einer stolzen Genugtuung und gab ihr Leichtigkeit und Schwung. Der Widerspruchsgeist, der ihm sonst stets innewohnte, steigerte sich bis zum spitzbübischen Übermut. Er wollte Gneisenau, wollte das ganze Hauptquartier noch mehr ins Unrecht setzen. Jetzt, wo die zauderten und nicht mehr vorwärts wollten, jetzt wollte er. Er, der sie sonst immer zurückhielt, ging ihnen jetzt aus reinem Trotz durch und ließ so das Donnerwetter los, das wegen der Krankheit Blüchers und der schwachen Stunde Gneisenaus im Sturmzentrum selbst zu erlahmen drohte!
Fröhlichen Herzens gab er seinem Pferd die Sporen, kam in sausendem Galopp am Bauernhause in Chambry an, wo er sein Quartier hatte, sprang aus dem Sattel und trat in den Saal hinein.
Um den flammenden Kamin saßen die Offiziere seines Stabes in fröhlicher Runde und lasen mit verteilten Rollen aus Shakespeares Heinrich dem Vierten.
Yorck winkte ihnen zu, sich nicht stören zu lassen, setzte sich auch an den Ofen, starrte zerstreut ins Feuer und lauschte auf das Rasseln der Verse.