Nach seiner Vereinigung mit Bülows über Holland heranmarschierten Truppen war er jetzt Napoleon doppelt überlegen. Er hatte auch vollständige Selbständigkeit von der Hauptarmee erlangt und brauchte sich um die langsamen Bewegungen Schwarzenbergs nicht zu kümmern.

Nichts würde ihn daran hindern können, die letzte Scharte auszuwetzen und dem Korsen die heimtückischen Überfälle an der Marne heimzuzahlen! So hatte er sich heute Yorck gegenüber geäußert, aber nicht in seiner gewohnten energischen Weise, sondern mit einem müden, abgespannten Ausdruck in der Stimme, der seinen Worten geradezu widersprach.

Yorck lachte noch hämisch darüber, als er langsam durch das Schneegestöber weiterritt.

Man war im Hauptquartier sogar mehr als löblich knieschwach geworden! Die „Kraftgenies“ und Draufgänger dort, die sonst mit ihrem Ungestüm die Soldaten abhetzten, hatten auf einmal ihre ganze Schwungkraft verloren!

Blücher, sonst die nie versiegende Hauptquelle aller Energie, war über Nacht zusammengeklappt und ein müder Greis geworden!

War es nur eine vorübergehende Abspannung? Oder bereitete sich eine ernsthafte Erkrankung vor?

Ganz apathisch hatte er heute dagesessen, einen Schirm vor den Augen, und hatte fast teilnahmlos zugehört, wie Müffling und Gneisenau den eingefangenen Hannoveraner Palm examinierten, der im Bureau des französischen Generalstabschefs Berthier irgendeine Vertrauensstellung eingenommen hatte, und heute von den Kosaken aufgegriffen worden war.

Er hatte sich nicht einmal geärgert, ja kein einziges Mal geflucht, als dieser ihm bezeugte, die gestrige Affäre bei Craonne hätte eine vernichtende Niederlage für Napoleon werden können, wenn die Preußen diesem, wie befohlen, bei Corbeny in die linke Flanke und in den Rücken gefallen wären. So [pg 367]aber hatte seine Nachhut unter Wintzingerode die ganze Wucht des Angriffs allein auszuhalten gehabt und hatte sich nutzlos verblutet. Und man konnte den Tanz wieder von vorn anfangen.

Dabei wäre der Sieg so kinderleicht herbeizuführen gewesen! Als sich ein paar Husaren und Kosaken auf dem Wege von Fetieux bloß zeigten, hatten die französischen Train- und Artillerieknechte die Stränge durchgeschnitten, alles stehenlassen, und waren davongeritten. Eine regelrechte Panik war schon im Entstehen. Aber die preußische Kavallerie, die man schon glaubte heransausen zu hören, kam nicht! Und aus der sicheren Niederlage wurde so ein unentschiedenes Nachhutgefecht.

Das alles hatte ihnen der gefangene Kommissar Berthiers klipp und klar auseinandergesetzt. Und Blücher hatte keinen Ton gesagt, kein einziges Donnerwetter über die verfluchte Schweinerei losgelassen! Gneisenaus Gesicht war immer länger geworden!