Erst als zwischen den englischen Karrees die Gardekavallerie Somersets und die Dragoner Dornbergs vorbrachen, mußten sie weichen. Es kam zu einem erbitterten Nahkampf zwischen den beiden Reitereien, in dem die Franzosen schließlich doch die Oberhand behielten, als die Lanciers Lefebvre-Desnouëttes zur Unterstützung herankamen.
Napoleon war außer sich, seine Kavallerie, die er sich für den Hauptangriff aufgespart hatte, vorzeitig durch Ney verbraucht zu sehen.
„Dieser Mensch“, rief er, „bleibt stets der gleiche! Er bringt mir alles in Gefahr, weil er sich niemals zügeln kann und immer eine Stunde zu früh loslegt!“
Aber einmal begonnen, mußte der Angriff durchgeführt werden, wenn die Kräfte nicht nutzlos vergeudet sein sollten.
Napoleon gab also Kellermann, der links im zweiten Treffen hielt, Befehl, seine Kürassiere zur Unterstützung vorzusenden.
Der gleiche Vorgang wiederholte sich dann wie vorhin, als Milhaud vorrückte. Sobald Kellermanns Kürassiere sich in Bewegung setzten, folgte automatisch die im dritten Treffen hinter ihnen stehende Gardereiterei – zweitausend Grenadiere zu Pferd – und ging gleichzeitig mit ihnen so energisch vor, daß Napoleons Rückberufungsbefehl sie erst erreichte, als es zu spät war und sie schon im Kampf verwickelt waren.
Ney bemächtigte sich ihrer sofort und führte mit unerhörter Wucht eine Attacke mit zwanzig Schwadronen gegen die [pg 427]Engländer, sprengte ihre ersten Linien, konnte aber den zähen Widerstand der englischen Garde und der Braunschweiger doch nicht brechen. Wellington schickte seine letzte Kavallerie, die Cumberlandhusaren, vor. Angesichts des Gemetzels machten diese aber sofort kehrt, nahmen Reißaus und rissen alles – Gepäck, Artilleriepark und Verwundete – in wilder Flucht gen Brüssel mit. Die Schlacht wäre für Wellington verloren gewesen, hätte Ney jetzt Infanterie gehabt, um den letzten Widerstand der englischen Infanterie zu brechen.
Hätte Napoleon mit eigenen Augen den Zustand der in den letzten Zügen liegenden englischen Verteidigung sehen können, er hätte keinen Augenblick gezögert, seine Garde hinzuschicken, um dem Gegner den Gnadenstoß zu geben. Aber er hatte schon alle Hände voll mit den Preußen zu tun und wagte nicht, sich seiner letzten Reserven zu entblößen – er war auch zornig über den Ungehorsam Neys und hatte nicht mehr die überlegene Ruhe, die Situation zu erfassen.
Ein anderer aber hatte sie. Blücher hatte von den gegenüberliegenden Höhen am Lasnetal gesehen, was auf dem Mont St.-Jean vorging. Er lachte vergnügt und hatte nicht übel Lust, Wellington sein Ausbleiben bei Ligny heimzuzahlen.
„Nun, Bruder Wellington,“ sagte er grimmig, „wenn ich dir jetzt käme, wie du mir gestern kamst, das heißt: gar nicht, da säßest du jetzt böse in der Klemme! Und das wäre dir ob deines Wortbruches zu gönnen. Ich werde dir aber, obwohl ich ein Mecklenburger bin, zeigen, was ein Preuße ist, nämlich: ein Mann, ein Wort!“