Er schickte also schleunigst Befehl an Zieten, von Wawre heranzurücken, um den englischen linken Flügel zu verstärken. Das Korps Pirch schickte er zur Unterstützung gegen Lobau vor, der eine sehr starke Verteidigungsstellung auf dem waldigen Vorgebirge zwischen dem Hohlweg des Lasnebaches und dem Tal des Smohainbaches eingenommen hatte.

Um drei Uhr kam Bülow hier an und sah vor sich oben auf dem Rand der Anhöhe Lobaus Kanonen –, die Kanoniere mit brennenden Lunten daneben. Er teilte seine [pg 428]Truppen, schickte die Division Losthin rechts am Smohainbach vor, die Division Hiller am Lasnebach gegen das hinter der französischen Front liegende Dorf Planchenois, mit Befehl, es zu nehmen und so die Rückzugsstraße Napoleons zu bedrohen.

In dieser waldigen Schlucht, wo die hinter den Bäumen versteckten Verteidiger ein ununterbrochenes Feuer unterhielten, drangen die Preußen mit unerhörter Wucht vor.

Napoleon warf, was er an Truppen hatte, ihnen entgegen und trieb sie zurück, mußte aber wieder weichen. Er holte Sukkurs, schickte seine junge Garde ins Feuer und säuberte das Terrain von Feinden, aber mußte es, trotz allen Anstrengungen, zu guter Letzt wieder räumen. Immer neue Kolonnen von Feinden wälzten sich aus der Schlucht hervor und zehrten an seinen Truppen, die sichtbar in ihrem Feuer zusammenschmolzen. Es war, als hätte sich die Erde aufgetan, um eine nimmer endenwollende Flut von Preußen über ihn auszuspeien. Von Rauch und Feuer umwirbelt, quoll sie auf ihn zu, alles niederreißend, alles überschwemmend. Und in den Wolken über ihnen sah seine überhitzte Phantasie riesengroß und zornig verzerrt das Antlitz seines unversöhnlichsten Gegners, des alten Blücher, dem Angriff immer neuen Odem einhauchend und seine Preußen unaufhaltsam vorwärts treibend.

Ein Schauer erfaßte ihn zum erstenmal im Leben. Für eine Sekunde verlor sein sonst immer klarer Geist das Gleichgewicht. Dann besann er sich rasch. Er eilte zur alten Garde hin, nahm von deren fünfzehn Bataillonen zwei, setzte ihnen in kurzen Worten auseinander, daß die Entscheidung nahe, und daß sie sie herbeiführen und das Kaiserreich retten sollten. Sie müßten den Feind wieder in den Hohlweg hineinwerfen, aus dem er niemals hätte herauskommen dürfen.

„Vive l’empereur!“ schallte es ihm aus den Reihen der Bärenmützen als Antwort entgegen. Dann traten sie mit unerschütterlicher Ruhe zum Angriff an, mit gefälltem [pg 429]Bajonett, ohne einen Schuß zu tun, und warfen die Preußen durch den ganzen Hohlweg bis ans andere Ende zurück.

Diese ihre Bravour gab Napoleon seine Zuversicht wieder. Wenn nur zwei Bataillone seiner alten Garde das gegen ein paar feindliche Divisionen erreichen konnten, dann hatte es keine Not, dann sollte auch Ney welche von ihnen haben!

Ney hielt noch mit seinen halberschöpften Kürassieren und Gardegrenadieren oben auf dem Plateau – ihm gegenüber der gänzlich ermüdete Engländer, beide ohne einen Schuß zu tun, beide darauf wartend, wer von ihnen zuerst Hiebe bekommen würde. Eine Stunde standen sie schon so unbeweglich da, als Napoleon endlich glaubte, die Preußen so weit zurückgeworfen zu haben, daß er Ney die erbetene Infanterie geben konnte.

Er stellte noch sechs Bataillone zur Sicherung seiner Front gegen die Preußen auf und schickte den alten Friant mit vier Bataillonen gegen die Engländer auf das Plateau hinauf!

Kaum hatte er den Befehl gegeben, da bemerkte er eine plötzliche Unruhe in der regungslosen Masse seiner Reiterei da oben. Auf der Brüsseler Chaussee kam Ney herangesprengt, ohne Hut, mit durchlöcherter Uniform, das Gesicht geschwärzt, der blonde Haarschopf wirr um das Haupt flatternd, und schrie, seine Kavallerie wiche, wenn die Infanterie nicht sofort käme –, nahm dann die Bataillone der Garde an sich und zog mit ihnen ab.