Da oben war immer noch der Sieg zum Greifen nahe. Hinter der englischen Front floh alles, was Beine hatte. In Brüssel wußte man bereits, daß Wellington die Schlacht verloren hatte, und Botschaften flogen von dort mit der Kunde von Napoleons Sieg nach allen Richtungen in die Welt hinaus.
Unten im Tal kamen dann aber plötzlich aus der Ecke, wo sich Napoleons Front rechtwinklig zurückbog, die Rufe „sauve-qui-peut!“ Und aus den Höfen La Haye und Papelotte flohen die bisher siegreichen Leute der Division Durutte. Alles hing vom Augenblick ab.
Die Schlacht war auf dem Punkt angelangt, wo der Geist der Panik herangesaust kommt und über dem Gewimmel darauf lauert, auf wen von den Kämpfern er sich stürzen soll, und ob er hüben oder drüben den geringeren Widerstand finden wird, wenn er sein Entsetzen losläßt.
Hüben stand noch der kleine große Schlachtenkaiser aufrecht da und schaute ungeduldig nach seinem ungetreuen Grouchy aus, der immer noch nicht kam, um ihm das Schlachtenglück zuzuwenden.
Oben auf dem Plateau stand der zähe Engländer und sah die Reihen der Bärenmützen auf sich zukommen. Ein Wink seiner Hand – die Garden Maitlands warfen sich auf den Boden hin, um dem Ansturm Neys und Friants zu begegnen, erhoben sich, schossen aus nächster Nähe und durchlöcherten die Reihen der alten Garde an hundert Stellen.
Aus mehreren Wunden blutend, ging Friant zurück, holte sich von Napoleon, der sie selbst herangeführt hatte, noch fünf Bataillone von der alten Garde zum Ersatz und zog mit ihnen wieder in den Kampf. Da sah Napoleon die letzten Reste der englischen Reiterei unter Vivian und Vandeleur sich plötzlich wieder ermannen und zur Attacke vorstürzen – er sah auch am Wald von Soignes Preußen kommen, die Reiter Zietens voran.
Preußen überall und immer noch kein Grouchy! Er erbleichte –, es war die Niederlage, die jetzt auf ihn einstürmte.
Zieten ließ seine Reiter los, sie machten mit den Schwadronen Vivians und Vandeleurs gemeinsame Sache und überfluteten in einem Augenblick das ganze Schlachtfeld.
Wo Napoleon hinblickte, war ein Gewimmel von englischen und preußischen Uniformen. Und er hatte keine Kavallerie mehr hier unten, um die feindlichen Reiter zu verjagen, seitdem Ney ihm die letzte genommen hatte. Das Fußvolk allein war gegen sie ohnmächtig.
Seine Gardebataillone bildeten überall Karrees, die hier und dort wie Felsen aus dem brandenden Meere empor[pg 431]ragten und sich wohl wehrten, aber die Sturmflut nicht aufhalten konnten.