Aber er selbst fühlte, als hätte er seiner ureigensten Natur Gewalt angetan und das Heiligste verleugnet. Ein brennen[pg 49]des, fieberndes Verlangen nach dem großen Abenteuer seines Lebens, das er haben mußte, wenn er nicht elendiglich verkümmern sollte, bemächtigte sich seiner ungestümer denn je und ließ ihm keine Ruhe mehr.

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In Sanssouci endete zu gleicher Zeit ein einsamer Mann, von Arbeit ermüdet, von Krankheit zerrüttet und von aller Welt verlassen.

Ein Leben erlosch, das Kampf gewesen war, Kampf und Sieg gegen eine ganze Welt – ein Leben voll treuester Pflichterfüllung und Strenge gegen sich selbst und alle anderen. Der alte Adler starb und schloß seine Augen für immer.

Ein Aufatmen –, ein Gefühl der Erleichterung ging durch das ganze Volk. Die wenigsten gedachten bei der Todesbotschaft der großen Lebensleistung, deren Zeugen sie gewesen waren. Die erlittene Bedrückung zitterte noch bei allen nach.

Auch nach Pommern drang rasch die Kunde des großen Ereignisses. Hier wie dort im ersten Augenblick ein Aufjauchzen, das die Größe dessen, der zu Grabe getragen wurde, total verwischte.

Auch Blücher ging es nicht anders. Aber zugleich fühlte er etwas wie ein Rauschen großer Flügel um sein Haupt und wurde von einer seltsamen Empfindung beschlichen, als sei ihm ein Erbe überkommen.

„Jetzt ist’s vorbei mit dem schmählichen Beiseitestehenmüssen! Jetzt ist meine Zeit da!“

So jauchzte er auf bei der Trauerkunde. Und seine Frau schwieg. Sie sah es ein, daß er nicht mehr zu halten sein würde. Der stille Verbündete, den sie in dem alten König gegen ihn gehabt hatte, war nicht mehr! Keine Macht gab’s mehr auf Erden, die seinen Tatendrang, der stets ihr Eheglück sprengen wollte, eindämmen konnte! Sie mußte es über sich ergehen lassen, wie es auch kommen würde!

Und Tränen der Wehmut, nicht des Stolzes, waren in ihren Augen, als sie beim darauffolgenden Durchzug des neuen Königs durch Stargard ihren Mann, hoch zu Roß, in der kleidsamen Uniform der pommerschen Landschaft, dem königlichen Wagen voraussprengen sah. Und auch als er siegestrunken zurückkehrte und ihr vom Gelingen seines Unternehmens und von der Audienz beim Könige erzählte, sowie von dessen gnädiger Zusage, ihn bei Gelegenheit mit voller Anciennität als Major in sein altes Regiment wiedereinstellen zu wollen – auch dann vermochte sie nur mit Mühe die qualvollen Seufzer niederzuhalten, die sich ihrer Brust entringen wollten.