„Wissen Sie was, Baron?“ fragte er lächelnd und strich seinen langen Schnurrbart hoch. „Als der Physikus soeben den Totenschädel aufhob, da dachte ich: ‚Nun geht das Kegelschieben los! Nun schmeißt er ihn nach den anderen Köpfen!‘ Die wackelten auch schon bedenklich! Die wären durcheinandergekollert, daß es eine Lust wäre! An seiner Stelle hätte ich den Wurf getan! So ’ne Sammlung Dösköppe war noch nicht da! Sehen Sie sie nur an!“ flüsterte er. „Ausschaun tun sie wie ein Haufen ‚Marterln‘ von allen möglichen Stoppelfeldern hierherverpflanzt! Und statt der gewohnten Krähen und Dohlen schwirren ihnen lauter funkelnagelneue Gedanken um die Köpfe, daß sie nicht mehr wissen, woran sie sind, und der Herr Physikus noch weniger.
Keine Ahnung hat er – keine Ahnung! Was er da schwefelt, mag vor die Franzosen gut genug sein, ihnen die Würmer aus der Nase und das Geld aus den Taschen zu ziehen – was ich übrigens den Geizhälsen gönne! Aber so’n richtiger preußischer Dickkopp, wie ich einer bin, und Sie erst recht, Baron, der wird nimmermehr zugeben, daß man den Schädel erst befühlen muß, um zu wissen, ob einer lange Finger hat oder nicht. Der wird nicht sein ‚Bekämpfungsvermögen‘, wie die Ochsen, mit dem Schädel dartun, sondern mit blanken Hieben und derben Maulschellen, wenn’s not tut. Und was das ‚Eigentumsvermögen‘ betrifft, das er auch vom Schädel ablesen will – –“
„Da“, lachte der Baron, „setzen Sie sich an den Spieltisch und verlieren Sie und weisen es so – negativ nach!“
„Ich gewinne auch, mein Verehrtester, und nicht zu knapp! Und das liegt bei den Karten und hat mit dem Schädel nichts zu tun!“
„Soweit ich ihn verstanden habe,“ sagte der Baron, „gingen seine Ausführungen auch nicht so weit auf das Gebiet des praktischen Lebens ein. Er wollte, meines Erachtens, nur rein theoretisch dartun, wie eine geistige Fähigkeit mit den Hirnpartien, in denen sie ihren Sitz hat, ab- oder zunimmt, [pg 89]und nachher durch die dadurch entstehenden Unebenheiten des Schädels nachzuweisen ist.“
„Das ist eben falsch“, sagte Blücher bestimmt. „Die Erhöhungen des Schädels besagen gar nichts – bei den meisten Menschen jedenfalls nicht mehr als: ‚Hier ist beim gewöhnlichen Rindvieh der Platz für die Hörner!‘ – Da können Sie sich auf mich, als alten Landwirt, verlassen! Sehen Sie sich nur in den Spiegel, Baron!“
Der Baron blickte ihn an.
„Ich möchte doch sehr bitten!“ sagte er scharf.
„Sehen Sie sich nur in den Spiegel!“ lachte Blücher. „Nach den Theorien Galls müßten Sie ein gutmütiger, braver Spießer sein – sanft, fromm und nachgiebig – das Muster eines Familienvaters! Nach meinen dagegen – und ich verstehe etwas von Köppen – ich habe mein Lebtag so ville eingeseift – nach meinen Theorien also, und wenn ich nicht wüßte, daß Sie der Reichsfreiherr vom Stein sind und Oberpräsident der Westfälischen Domänenkammer – da würde ich sagen: das ist ein Raufbold schlimmster Sorte!“
„Um Gottes willen!“