„Er hat – bedingt zugestimmt!“

„Das ist bei ihm schon viel! Mehr erreichen Sie sicher nicht!“

„Das genügt mir aber nicht. Entweder ich bekomme die Befugnisse, die ich brauche, um etwas leisten zu können, oder ich gebe mich mit dem ganzen Kram nicht ab!“

„Was haben Sie denn verlangt?“

Der Freiherr blieb stehen, faßte Blücher an einem Rockknopf und zwang ihn so, auch stehenzubleiben. Ohne sich um die Blicke der Vorübergehenden zu kümmern, fing er dann an, seine Pläne zu entwickeln, durch die er dem alten Schlendrian den Garaus zu machen gedachte und das alte Preußen von Grund aus umgestalten wollte.

Erst den Beamtenkörper neuordnen, die ganze Verwaltung vereinfachen, die eigene Jurisdiktion und Finanzverwaltung der Provinzen aufheben und einschlägige Fachminister für das ganze Land einsetzen, so dem Reich den fast föderativen Charakter nehmen und seine Teile zu einem Ganzen verschmelzen – die Regierung vereinfachen; statt Generaldirektion und Justizministerium und dem allein mit der Person des Königs verkehrenden „Kabinettsministerium“ ein Konseil einführen, dessen Mitglieder sämtlich direkt mit dem König verkehren könnten – dann durch Städte- und Landgemeindeordnungen Rechte und Pflichten der Bürger und der Landbevölkerung festlegen, ihnen Selbstverwaltung [pg 93]geben, das Gewerbe frei machen, den Besitz ebenso, die Fessel des Handels beseitigen, die Armee neuordnen auf Grund der allgemeinen Wehrpflicht, so daß das Werbesystem abgeschafft würde und ein jeder es als eine Ehre statt als einen Zwang empfände, das Vaterland zu verteidigen. Zuletzt eine Volksvertretung einsetzen, mit gesetzgebender Gewalt, die die Haushaltung des ganzen Staates zu regeln haben würde – –“

„Das ist schlau von Ihnen, Baron, die Volksvertretung zuletzt zu nennen“, sagte Blücher. „Ich hatte schon Angst, Sie würden damit den Anfang machen wollen! Die Jakobiner und ihr Gequassel hätten wir sowieso früh genug! Wenn die bei Ihren Reformplänen mitreden sollten – Sie würden sich wundern, was dabei alles herauskäme! – Sie würden Ihr eigenes Kind nicht mehr wiedererkennen und all Ihre schönen Pläne ins Wasser fallen sehen! Am besten lassen Sie die Redebude ganz fahren. Die vertrödelt bloß die Zeit, weiter nichts! Wozu denn! Machen Sie’s lieber ganz allein! Machen Sie’s mit der königlichen Verordnung – die schafft’s, wenn der richtige Mann sie handhabt. Das sah man beim Alten Fritzen! Beschließen – befehlen, und die Sache ist da! Und ist sie gut und ist sie richtig gemacht, dann erst lassen Sie die Leute reden, wenn’s durchaus sein muß! Da ändert an einer rechten Sache auch ein ganzes Parlament von Hohlköpfen nichts!“

„Das Volk muß,“ sagte der Freiherr energisch, „und das ist das allerwichtigste und davon gehe ich nicht ab – das Volk muß wissen, daß es in seinen eigenen Lebensangelegenheiten mitzureden hat! – Es muß fühlen, daß es nicht nur dazu da ist, um ausgebeutet zu werden. So wie jetzt, ist es ganz teilnahmlos. Wenn heute alles zugrunde ginge – es würde sich nicht im geringsten dafür interessieren. Denn der Staat ist sein Feind – oder er ist ihm zum mindesten gleichgültig! Das Volk empfindet nicht, daß es selbst der Staat ist! Gelingt es nicht, ihm das zum Bewußtsein zu Dingen, so sind wir als Staat verloren und als Volk erst recht.“

„Verehrter Freund,“ antwortete Blücher, „es kann sein, daß Sie recht haben! Wir haben aber keine Zeit, kostspielige Versuche zu machen. Die Welt brennt jetzt an allen Ecken und Enden – sollen wir da Kinder und unerfahrene Leute mit dem Feuer spielen und unser eigenes Dach in Brand setzen lassen? Was sagte ich vorhin – den reinen Verbrecherkopf, den reinen Verbrecherkopf haben Sie!“

Stein lachte. Aber Blücher faßte ihn beim Arm und zeigte auf den Turm der Lambertikirche.