„Eben weil der Kern in der preußischen Volkskraft ruht“, sagte der Freiherr. „Aber nur wir Eingeweihte empfinden das. Das Volk müßte sich dessen auch bewußt werden, damit es an unserer Wehr mitschafft und so seine Kraft verdoppelt!“

„Wer würde das nicht wünschen? Sie wollen aber alles wegwerfen und von Grund aus neu aufbauen.“

„Auf altem Grund neu – –“

„Das geht zu weit. Was gut und wertvoll ist vom alten Gemäuer, das müssen wir mit hinübernehmen – wie unsere Vorfahren bei ihren Kirchenbauten. Die fingen oft romanisch an – sehen Sie nur die alten Kirchen im Lande an – und bauten ruhig gotisch weiter, sobald die Zeit es verlangte, und schlugen so in einem Bau Brücken von Zeitalter zu Zeitalter. So eine Brücke ist unsere Armee. Werft sie ab – und drüben bleibt der Geist der Ordnung, der Tapferkeit und des unbeugsamen Mutes, der sie immer auszeichnete, und kann nicht zu uns herüber.“

„Der braucht nicht herüberzukommen, denn er ist da, [pg 96]wie er immer in unserem Volke da war. Er wird uns täglich neu geboren!“

„Aber auch täglich wieder totgeschlagen“, erwiderte Blücher ernst. „Und das eben möchte ich vermieden wissen! Solch einen Totschlag am Geist der Ordnung und Tapferkeit wollt ihr Herren vom Zivil eben begehen, wenn ihr die Hände nach dem preußischen Heere ausstreckt! Ihr sollt mir aber die preußische Armee nicht kaputt machen wollen. Ich habe mit in ihren Reihen gekämpft im Siebenjährigen Kriege – ich war mit ihr in Polen, in den Niederlanden, am Rhein Anno dreiundneunzig und vierundneunzig –, ich habe gesehen, was der preußische Soldat kann, wenn die Führung taugt. Ich verstehe etwas von der Sache und weiß, solch eine Waffe wirft man nicht ohne weiteres fort! Schwerenot! Wenn ich einen guten, scharfgeschliffenen Säbel habe, der mir gut in der Hand liegt und mir vertraut ist, den werf’ ich nicht zum alten Eisen und hole mir einen neuen, der mir am Ende weniger zusagt, sondern ich hau’ feste zu! Aufs Dreinhauen kommt’s heute noch an wie immer! Der richtige Kerl muß nur da sein, der die Waffe der Väter zu führen versteht, dann taugt sie auch!“

„Das weiß ich ebensogut wie Sie!“ versetzte der Freiherr ein wenig gereizt.

„Nun, was wollen Sie denn!“ rief Blücher nicht weniger heftig. „Wenn Sie das wissen, da müßten Sie sich auch sagen, daß unsere Waffe nicht verrosten kann! Da müßten Sie doch sehen, daß heute, wie immer, Leute genug dabei sind, sie frisch zu polieren, den Geist und die Bildung beim Offizier zu heben, das Untaugliche hinauszuwerfen und mit dem Schlendrian reinen Tisch zu machen! Und auch, daß uns nichts fehlt als der Befehl zu rascher Tat!“

„Das alles sehe ich wohl!“ sagte der Baron. „Aber auch das viele Überlebte, das leider Gottes die Macht hat, jede Entwicklung zum Besten aufzuhalten. Da hilft nicht allein der Mann, der befehlen kann – denn was nützen mir Befehle, wo der Gehorsam fehlt?! Der Geist, der sich bereitwillig dem Ganzen unterordnet, der fehlt oben wie unten! [pg 97]Erst muß da Wandel geschaffen – erst muß von Grund aus alles neu geordnet werden. Und der Grund kann nur die allgemeine Wehrpflicht sein, die jedem Staatsbürger das Recht, aber auch die Ehrenpflicht gibt, das Land zu verteidigen, und jede Anwerbung von ausländischem Gesindel ausschließt! Da müßten die Leute den Hebel ansetzen, die, wie Sie sagen, auch in der Armee dabei sind, mit dem alten Schlendrian aufzuräumen –“

„Am Ende haben sie’s längst getan!“ rief Blücher und blickte den Freiherrn schalkhaft an. „Passen Sie nur auf, Baron! Sie werden noch von denen überholt!“