Aber er — er selbst mußte das tun — kein anderer durfte es, und vor allem keine Minute zu früh!

Solange wollte er die eigene Leidenschaft, die schon jetzt in ihm loderte, zurückzudämmen suchen! Und wenn er selbst als Lohn für seine Mühe die Blume gepflückt hätte, dann wollte er ihre Leidenschaft in die richtige, die für die Karriere einzig mögliche Bahn leiten, ins Vergnügen, zum Rausch! Aber sie nimmermehr zur großen Passion oder gar zur hingebenden Liebe werden lassen. Die mußte gründlich abgetötet werden, sonst würde sie die Kunst töten.

Das sollte der Gipfel seiner Erziehung sein! Denn nur so könnte er ihrer Kunst die letzte Weihe geben, die der bewußten Sinnlichkeit, die ihr jetzt mangelte und auch noch lange nicht zur Entfaltung kommen durfte — ehe sie auch als Künstlerin reif genug wäre, zu begreifen, wie in dieser Welt der Sinne die Selbstherrlichkeit des Fleisches herrscht und wie der Geist Fleisch werden muß, um hier zu gebieten — —

Er lächelte befriedigt bei dem Gedanken, schlug selbstgefällig den Mantel um die Schultern, drückte den Hut in die Stirn und ging halblaut summend nach Hause.

Babara aber verbrachte eine schlaflose Nacht voll unruhiger Gedanken. Und als der Morgen kam und alles noch in Schlaf versunken lag, schlich sie hinaus nach dem Dom, mit Blumen für die Madonna, und kniete da lange inbrünstig betend und in Betrachtung des Meisterwerks von Correggio versunken.


4

Sie machte so schnelle Fortschritte, daß er nicht aus dem Staunen herauskam. Sie bewältigte alles spielend leicht. — Es gab für sie keine Schwierigkeiten! Ihr Körper, elastisch wie eine Stahlfeder, war von der höchsten Harmonie der Formen, der größten Ausgeglichenheit der Glieder und einer fabelhaften Leichtigkeit der Bewegung. Der Tanz auf den Fußspitzen machte ihr gar keine Schwierigkeiten. In Sprüngen hatte sie nicht ihresgleichen. Sie hatte Rasse, Temperament und einen sprudelnden Humor, der sie für die burlesken Tänze ebenso geeignet machte wie für die seriösen. Aber bei allem Tempo und allem Übermut war über dem Ganzen doch eine Keuschheit und eine Unberührtheit, als tanze sie im Traum.

Es wurde bald Zeit, sie ins wache Leben zu führen, ihr die Schleier von den Augen zu reißen. Es war ihr zur Gewohnheit geworden, jeden Morgen vor Beginn der Probe in den Dom zu gehen. Es zog sie immer wieder hin. Es war ihr, als hole sie sich von dort die rechte Weihe und die Sicherheit, der sie bedurfte, um, ohne nach rechts und links zu sehen, vorwärts zum Ziel ihres Ehrgeizes zu kommen.

»Dir zu Ehren — nur dir zu Ehren«, seufzte sie reuig, als ihr der Ehrgeiz zusetzte, und beugte ihr Köpfchen im Gebet. Und sie zwang sich mit Gewalt, an gar nichts als an ihre Pflicht zu denken! Keine Wünsche durften aufkommen, wie sehr das Leben ihren jungen Sinn auch lockte! Alles rang sie heldenmütig nieder, treu ihres Eides eingedenk!