»Baberina, verzeih mir, verzeih mir!« schluchzte er.
»Ich habe dir nichts zu verzeihen! Du aber mir! Du bist mein Herr und Gebieter — mit meinem Eide habe ich mich dir verpflichtet! — Ich hatte dir geschworen, alles zu tun, was die heilige Kunst von mir verlangt — ich wollte meinen Eid nicht halten, als du im Namen der Kunst auch das Letzte verlangtest! Mir schwindelte der Kopf, ich wußte nicht Bescheid mit mir, ich schlich mich heute zur Madonna im Dom, um, wie immer, dort die Ruhe zu finden, und ich fand sie nicht. Ihre Himmelfahrt war mir keine Himmelfahrt mehr! Ich sah alles nur mit deinen Augen — sah nur, was du mir erzählt hattest! Eine Orgie, einen Kampf, ein Drängen, ein Emporwollen und ein Niederziehen; meine Gedanken wurden in den Trubel mit hineingezogen, ich wirbelte mit in dem tollen Sturm der Entzückung! —— So sah ich es —— ich konnte nicht anders! —— Da ging's mir auf, daß ich zu dir mußte, um dies wieder loszuwerden und das heilige Bild wieder sehen zu können, wie ich's seit der Kindheit gewohnt bin! Gib's mir wieder, befreie mich, nimm den Wahnsinn von meinen Augen! Mach mich wieder sehend — tu's —— schnell —— laß mich jetzt tanzen!«
Von heiligen Schauern ergriffen, nahm er die Gitarre und ließ sie klingen. In langen, wallenden Harmonien ließ er die Töne über sie los, und sie gehorchte, sie folgte dem Strom seines Blutes, der in der Musik zu ihr hinüberflutete und ihr eigenes Blut zum Sieden brachte. Immer schneller wurden die Rhythmen, immer toller ihre Bewegungen, wie ein Schmetterling flog sie in wirbelnden Kreisen im Zimmer hin und her! Jetzt fiel der erste Schleier — jetzt der zweite — immer mehr seinen entzückten Augen entblößend ——
»Vorwärts — vorwärts!« schrie er und schlug die Saiten zum Platzen wild und trieb sie immer schneller und schneller — Schleier nach Schleier fiel — bis auf den letzten, den sie noch mit beiden Händen erhaschte und so vor den Knien hielt, daß er in sanften Bogenlinien die Bewegung des Körpers brach und dessen üppige Formen umschwebte! Dann ließ sie auch den fallen und stand vor ihm in der sieghaften Majestät ihrer nackten Schönheit, Feuer und lodernde Leidenschaft in den Augen, und blickte lächelnd auf ihn herab. Er warf die Gitarre fort und sank in die Knie.
Eine solche Hoheit, eine solche Majestät der Keuschheit und Reinheit war über ihr, daß er, von tiefster Andacht bewegt, zu Boden fiel und die Erde zu ihren Füßen küßte.
Sie sah es. Ein Ausdruck von Hohn, von grausamer Siegesfreude glitt über ihr Gesicht — es leuchtete unheimlich auf in den schwarzen Augen, sie hob den kleinen, nackten Fuß, setzte ihn ihrem Peiniger auf den Nacken und drückte seinen Kopf leicht zu Boden ——
Dann war's um sie geschehen!
Wie ein Blitz war es über ihr, das lange Vorbereitete, lange Befürchtete. Und im nächsten Augenblick lag sie im Staube, gefangen, geknechtet, flügellahm.
Die Himmelfahrt der Psyche war jäh unterbrochen. Der Leidensweg einer Frau durch die Höllen des Lebens, durch die Freuden der Welt begann.