Da oben, auf den vielen Stufen am Ende des Mittelschiffes, wo die riesige Kuppel sich vor dem Hauptaltar wölbt, stand sie allein, die Blicke nach oben gerichtet. Sie war so tief in inbrünstiges Schauen versunken, daß sie nichts davon merkte, was sich um sie her zutrug. Schlank wie eine Gerte, erhob sich der jugendliche Körper in seltenem Ebenmaß der Formen — fast ohne Schwere stand sie da, kaum noch die Erde berührend, und — als wollte sie sich im nächsten Augenblick zum Fluge heben, so wuchs sie — löste sich allmählich vom Fußboden — hob sich mit unvergleichlicher Grazie auf die Fußspitzen und breitete die Arme nach oben.

So stark war der Eindruck, daß er im Nu die vielen Stufen nahm und auf sie zustürzte, um sie festzuhalten, damit sie ihm nicht entflöge. Aber sie bemerkte ihn nicht. Im Geiste war sie schon da oben, und sein Geist flog mit.

Er sah, was sie schaute und was ihre Seele erfüllte, er empfand ihre Empfindung.

Nicht unten auf den Steinfliesen des Fußbodens stand er mehr — dort oben weilte er unter den Gestalten, die der Pinsel Correggios hingezaubert hatte, teilhaft des Wunders der Erlösung aus dem Fleische.

Zunächst nur als Schauender, vom Licht Geblendeter, als einer der Apostel, die, rings um die Brüstung, über die sich die Kuppel wölbte, in ehrfürchtiger Anbetung festgebannt, kaum die Blicke zu erheben wagen, aber vom Lichte angezogen, in inbrünstiger Verzückung erstarrt, mit den Blicken die Herrlichkeit einsaugen, von der sie nachher den Erdenwürmern künden sollen, während ringsum die Genien den Tempel schmücken, die Flammen der Opferschalen mit den Flammen des ewigen Lichtes schüren und den Raum, durch den der Ausblick ins Himmlische verstattet werden soll, umsäumen, um jedem unheiligen Gedanken das Nahen zu verwehren.

Und sie?! Die Gottesmutter selbst war sie, die, von Genien und Cherubinen getragen, durch rosenrote Wolken dem ewigen Lichte entgegenschwebte, von einem Cherub zärtlich umschlungen, der sie vorwärts drängte und zugleich zurückhielt. Während ihre Blicke angstvoll nach oben starrten — ihre Arme sich öffneten — die Hände nach oben gestreckt, wie um das unfaßbare Glück zu erhaschen: — die Befreiung durch tiefste schmerzlichste Lust — die Auflösung fleischgewordenen Dunkels in geistsprühendes Licht!

Leben — volles leidvolles Leben war dies! — Und das war sie noch nicht — die Erfüllung noch nicht! Die Sehnsucht danach war sie, die süße verheißungsvolle Sehnsucht, die am höchsten trägt, weil sie immer noch unbefriedigt bleibt, immer noch strebt und nach Seligkeit verlangt! — Psyche war sie, die sich dort oben, frei und unbehindert, von ihrer inneren Kraft allein gehoben, aus dem Kranze der Seligen loslöste! Während Maria noch, von ihrer irdischen Mutterschaft beschwert, sich von seligen Kindern tragen lassen mußte! Und er war nicht länger der geblendete Zuschauer, der kaum mit den Blicken zu folgen wagte — der Genius war er, der allein mitten im Kreise am höchsten schwebte, den Weg zu zeigen — dem sie alle zu folgen hatten!

Er hatte ihre Gedanken recht erraten. Erst war sie vom Bilde der leidenden Gottesmutter gebannt, vom Cherub umschlungen und nach oben gehoben wie sie — dann von ihm und den übrigen beschwert und nach unten gezogen! Sie stampfte auf, um sich frei zu machen, und da traf ihr Blick Psyche, die, von nichts gehalten, frei, von ihrer inneren Begeisterung gehoben, nach oben schwebte! Und dieselbe Begeisterung kam über sie! — Kaum noch empfand sie die Berührung mit der Erde — sie erhob sich in voller Entfaltung ihrer natürlichen Grazie, die Hände nach oben gestreckt, mit den Blicken verzückt das Licht und die Farben einsaugend.

Da packte ihn die Angst, sie zu verlieren! Der Führer und Wegweiser ins himmlische Licht wurde zum Luzifer, der ihr den Weg verlegte, das leuchtende Licht vom Himmel stahl und in Glut der Leidenschaft wandelte, um ihr damit auf dem Weg in die Tiefe zu leuchten.