Im königlichen Schlafzimmer des Schlosses zu Fontainebleau waltete noch Gott Morpheus seines Amtes. — Allerdings nicht ganz gehorsamst! — Denn der allerchristlichste Monarch — Ludwig der Vielgeliebte — war zu seinem eigenen Entsetzen längst wach.
Müde von den Jagden des vorhergehenden Tages, hatte er beschlossen, sich heute gründlich auszuschlafen.
Aber draußen schien die Sonne, die Vögel zwitscherten, und auch das allerhöchste böse Gewissen ließ seine Stimme hören. Laut und vernehmbar sprach es, und weit respektloser, als es der Gemütsruhe — oder, sagen wir, dem Schlaf — eines großen Königs zuträglich war.
Er, dessen Macht unbegrenzt war, konnte nichts dagegen tun. Er hatte am Abend befohlen, daß es heute erst viel später Tag werden sollte bei ihm. Und das Wort eines Königs ist heilig!
Er mußte sich also mit seinem bösen Gewissen abgeben, ob er wollte oder nicht. Jeder Versuch, einzuschlafen, war vergeblich! — Drehte er sich auf die linke Seite, so flüsterte es ihm ins rechte Ohr, und er hörte die Stimme seines Erziehers, des guten Kardinals Fleury, wie sie sich in ernster Mißbilligung seines sittenlosen Lebens erging; legte er sich aufs rechte Ohr, so raunte es ihm ins linke von dem schweren Unrecht, das er seiner getreuen Gemahlin, der guten Königin Maria Leszczynska, antat, als er ihr eine Nebenbuhlerin nach der anderen bescherte; und begrub er den Kopf ganz in den Kissen, dann summte ihm ein ganzer Schwarm zärtlicher Frauenstimmen um den Kopf und zauberte ihm wollüstige Bilder vor. — — Es war zum Wahnsinnigwerden!
Und doch war etwas dabei, was ihn gewissermaßen beruhigte. In puncto Regieren war sein Gewissen rein! — In der Beziehung schwieg die mahnende Stimme.
Er war also ein ausgezeichneter König! — Menschlich vielleicht nicht ganz einwandfrei — aber sonst — — wer könnte ihm etwas vorwerfen? Er führte ja die Geschäfte nicht selbst — er kümmerte sich fast gar nicht um die ganze Geschichte, konnte also unmöglich den geringsten Fehler begangen haben! — Das besorgten schon die Minister! — Das auch! — Mein Gott — wozu waren sie schließlich da?!
Aber die Weiber! — Da war etwas dabei, was ihn zum mindesten beunruhigte!
Er liebte sie — er verehrte sie! Und schließlich sollte das den holden Schönen genügen!
Aber sie wollten mehr! — Sie wollten Macht — oder andere wollten sie durch sie! — Wenn er da nicht von vornherein aufpaßte, würden sie ihn schließlich zwingen, in höchsteigener Person etwas zu wollen — ja, gar zu regieren! — Und da wäre es um seine Ruhe geschehen!