Durfte sie den vorschnell gefaßten Entschluß, ihn aufzusuchen, um ihn wenigstens für die Mutter zu retten, auch wirklich ausführen? Es konnte gut sein für ihn und für das arme alte Mutterl. »Das erkannte Gute aber soll man ausführen, je eher, desto besser.« Das war einer der letzten Aussprüche ihrer sterbenden seelengroßen Mutter. Danach hatte sie immer gehandelt – und wollte es auch jetzt tun.

Und diesem starken Zuge ihres Wesens folgte sie auch unbedenklich, als sie, an der Gartentür des alten Prinz vorübergehend, von einem plötzlichen Gedanken erfaßt wurde. Rasch war sie an der Tür des Geldmaklers und klopfte entschlossen an. Prinz, ein hagerer langer Mann mit ausgesprochenem Habichtgesichte, war allein und seine Neugierde, was denn des reichen Fabrikanten und Bürgermeisters stolze Tochter bei ihm, dem »armen Bauer«, wolle, bald erfüllt. Nach vielen Ausflüchten und Beschwörungen legte er Christinen endlich die vier Wechsel Bettis vor. Christine rechnete zusammen. Dann schaute sie großstaunend und zornig nach dem gekrümmt dastehenden Prinz.

»Das sind ja zweitausend Kronen, Herr Prinz!«

»Zu dienen, gnädigstes Fräulein, netto tausend Gulden.«

»Sie haben aber der alten Frau nur fünfhundert gegeben!«

Prinz begann nun zungengeläufig zu erzählen, was er der guten Betti noch alles gegeben haben wollte. Christine legte anstatt aller Antwort die vier Wechsel aufeinander, zerriß sie in zorniger Hast, schritt zum Ofen und warf die zerknüllten Fetzen in das flackernde Feuer.

»Um Gottes willn, was haben Sie getan?«

»Sie vor der Anzeige wegen Wucherei gerettet!« entgegnete Christine scharf. »Morgen fahre ich nach Wien und verkaufe meine Obligationen – und übermorgen haben Sie Ihr Geld. Bereiten Sie eine Quittung über 1100 Kronen vor!«

Damit ging sie. Während sie raschen Schrittes auf ihr Vaterhaus zueilte, stand der »arme Bauer« noch immer händeringend vor dem gierig flackernden Feuer. Gerade auf sie hatte er bei Einlösung seiner geliebten »Papierln« gerechnet. Und nun ...

Klopfenden Herzens, aber mit schweren, seltsam müden Füßen stieg Christine nächsten Tages die drei Treppen zu Rudolfs Wohnung hinan. Zwei Jahre hatte sie ihn nicht gesehen, ihn, der der Gespiele ihrer Jugend und die Sehnsucht ihres Herzens – gewesen war. In diesem Augenblicke empfand sie nichts als Zorn und Verachtung gegen ihn. Ein Mann – und schwach! Zweimal hatte er mit Hilfe der reichlichen Stipendien in den Ferien Studienreisen ins Ausland gemacht und sich nicht gekümmert um Heimat und Mutter – und sie, die ihn so sehnlich erwartete, wohl längst vergessen.