Dabei sah sie wieder die Goldstücke an. Dann erfaßte sie jäh die Hand des gütigen Mannes und küßte sie unter tausend »Vergelts Gott!«

»Liabs Mutterl«, sagte er gerührt und fand zwanglos Klänge der langentwöhnten heimatlichen Mundart wieder, »liabs Mutterl, das freut mich, daß mich die Großmutter zu Ihnen gschickt hat. Aber sehn S', da hätt ich beinah vergessen – sie hat mir ja gesagt, drei, drei soll ich Ihnen geben. Weil halt aller guten Dinge drei sind.« Er legte ihr noch ein Goldstück auf die Hand und schritt schnell davon. Rasch hatte ihn der Nebel aufgenommen.

Plötzlich überkam ihn eine treibende Angst: wenn Elsa den Brief geöffnet hätte! Wenn sie ihn erwartete! Nach so langem, langem Warten jetzt noch stundenlang warten müssen – das nähme die letzten Kräfte, löschte der sehnsuchtsdurstigen Seele alles Glühen aus ... Und wenn sie gar erfahren hätte, er sei drunten in der Bahnstation gesehen worden und nicht mit der Post gekommen – was müßte sie denken, was erleiden!

Rasch klomm er die scharfansteigende Straße hinan. Sein Heimatsort lag hoch. Und plötzlich trat er aus dem dichten Nebel ins Helle. In stiller Winterpracht, übergossen von dem rosigen Lichte der scheidenden Sonne, lagen seine Berge vor ihm, grüßten ihn und kannten ihn! Wie er auch, verwirrt von der Majestät der Berge und der Majestät des Schweigens, starr dastand: sein innerer Mensch kniete vor all der göttlichen Herrlichkeit und weinte und lachte, jubelte und betete und dankte Gott für die erlösende Stunde dieses Wiedersehens und – der Auferstehung.

Wie lange er so stillversunken und weltvergessen gestanden hatte – er hätts nicht sagen können. Als er aber weiter ging, wußte er: die Schätze seiner Seele lagen nur verschüttet in ihm. Die Heimat gab sie ihm wieder.

Als er endlich vor seinem schmucken bescheidenen Vaterhause stand, funkelten droben die Sterne. Dunkel wars im großen Zimmer und daneben in der kleinen trauten Kammer brannte ein spärliches Licht. Er wußte, was für ein Licht, und wußte, wem es brannte ...

Zögernd drückte seine Hand die Klinke, auf der jene liebe Hand da drinnen, ach, wie so oft, so oft geruht hatte. Und zögernd trat er ein. Leise. Sein Herz pochte durch die Stille. In dem kleinen dunklen Vorraum legte er Pelz und Mütze ab und strich sich die Eiskristalle aus Bart und Haar. Behutsam, behutsam öffnete er endlich die Tür in die große Stube – da, wo einstens das Glück wohnte und aus stillen Augen lachte. Und behutsam, behutsam schloß er sie wieder. Die Klinke aber gab, ins Schloß zurückschnellend, einen gar seltsamen lauten, lange nachklirrenden Klang. Schier wie ein fröhlicher Schrei hatte es geklungen: Da ist er!

Die Tür in der Wand gegenüber ging auf. Sein Herz erstarrte: dort auf der Schwelle, umflossen vom milden gelblichen Lichte stand sie – Elsa, die Braut. Stand in der schneeweißen Schönheit des jähen Schrecks.

Langsam tat er einen Schritt und schwer, schwer und heiser rang es sich aus seinem Munde: »Ich weiß es schon.«

Da tauchte hinter Elsa, in weiße Linnen gehüllt, eine Gestalt auf und sah mit großen verwunderten Augen nach ihm – seine Mutter.