»Ja, dies Geschäft kann ich jetzt wieder übernehmen.« Gretchen sagte das Lied her. »Das geht ja ganz ordentlich,« meinte die Mutter.

»Ja, aber noch lange nicht gut genug für unsern Herrn Pfarrer.«

»Ist er so streng?«

»Nein, aber man möchte es doch bei ihm immer ganz gut können. O Mutter, wenn du ihn einmal nur kennen lernen könntest, du hättest ihn gewiß auch lieb!«

»Ich möchte ihn wohl recht gerne einmal sehen; wenn ich erst ganz gesund bin, wird es sich schon machen lassen.«

Gretchen nahm nun ihre Tafel und fing eifrig an, ihre Rechnungen zu schreiben, die Mutter aber dachte im stillen: »Wie ist mein Töchterchen so ernst und eifrig an der Arbeit, ich kenne sie gar nicht wieder.«

Als die Lampe angezündet wurde, mußte sich Frau Reinwald wieder legen und Gretchen saß wieder einsam im Zimmer, als es klingelte. »Wenn nur auch jemand zu mir käme,« dachte sie, »aber hier kommt niemand als der Metzger oder das Milchmädchen,« und richtig war es das Milchmädchen, man hörte ja schon das Klappern ihrer Blechkanne. Aber – wie merkwürdig – Lene rief Gretchen heraus, das Milchmädchen habe ihr etwas auszurichten.

»Fräulein Treppner läßt fragen, ob so das Kettenmuster sei und wenn es so sei, so wolle sie es dir gerne lehren, wenn du zu ihr herunterkommen willst.«

Gretchen betrachtete das Muster, das ihr das Mädchen hinhielt. »Ja, so ist das Muster, ganz so! Lene, hast du's gehört? Meinst du, ich darf hinunter?« fragte Gretchen begierig und fügte leise hinzu: »Du siehst ja selbst, Lene, man muß sie lieb haben, sie ist doch wirklich gut!« Lene schien noch nicht ganz überzeugt, aber das Milchmädchen sagte: »Ich glaube, das Fräulein hat das Muster extra gestrickt für die Kleine, sie würde es sehr übel nehmen, wenn das Kind nicht käme, und so schlimm ist das Fräulein eigentlich nicht, man sagt ihr's mehr so nach.« Nun ging Lene zu Frau Reinwald hinein und kam richtig mit der Erlaubnis zurück.

Nach kurzer Zeit saß Gretchen in Fräulein Treppners Zimmer. Molly hatte endlich sein Bellen aufgegeben und war auf dem Sofa eingeschlafen. Das Fräulein hatte Nadeln und Baumwolle herbeigeholt und Gretchen dachte, nun würde es ans Kettenmuster gehen. Aber Fräulein Treppner fing ihr ein ganz einfaches Müsterchen an. »In meiner Jugend,« sagte sie, »waren die Leute noch vernünftig, da haben sie den Kindern zuerst das Leichte gelehrt und dann das Schwere, jetzt machen sie's umgekehrt. Ich aber zeige dir jetzt ein ganz einfaches Müsterchen und dann wieder eines und erst zuletzt das Kettenmuster. Sieh mir nur zu.« Das ging nun viel, viel leichter, als Gretchen gedacht hatte, und nach einem kleinen Stündchen schon konnte Gretchen befriedigt mit ihrer Arbeit hinaufgehen, denn Fräulein Treppner hatte versichert, morgen abend würde sie ihr das Kettenmuster ganz leicht lehren können. Nach dem Abendessen erlebte Lene das unerhörte, daß Gretchen mit ihrem Strickzeug herauskam und sagte: »Ich stricke noch ein wenig, weil das Müsterchen gar so nett ist!«