An den nächsten Abenden fand sich Gretchen immer zur gleichen Stunde bei Fräulein Treppner ein und endlich erklärte diese: »Jetzt ist dein Kettenmüsterchen ganz schön!« Das war nun eine Freude und ein Glück! Gretchen konnte sich nicht oft genug ausmalen, wie Fräulein Klingenstein sich über ihre Kunst wundern würde. Wie getrost ging Gretchen in die nächste Arbeitsstunde, und doch sollte diese die schwerste für sie werden!

Die Kinder hatten eben ihre Arbeitskörbe aus der Kammer heruntergeholt, die Stunde sollte beginnen. Als aber Ottilie ihre Arbeit aus dem Korbe nahm, entfuhr ihr ein lauter Schreckensruf und mit den Worten: »Aber, wer hat mir das getan?« brach sie in Tränen aus. »Was ist's? Was gibt's?« ertönten die Fragen von allen Seiten und Fräulein Klingenstein trat herzu. Da lag Ottiliens Strickzeug und war gar nimmer zu erkennen: alle Nadeln waren herausgezogen, das Garn durcheinander gewirrt und die ganze Arbeit zerstört. Es war allen ein Rätsel, wie dies hatte geschehen können. Fräulein Klingenstein aber nahm die Arbeit und sagte in höchster Entrüstung: »Ich werde augenblicklich zu Fräulein von Zimmern gehen, die Sache muß sofort untersucht werden.«

Fräulein von Zimmern gab eben Unterricht in der Klasse der Großen und war sehr wenig erfreut über die unangenehme Störung. Sie hätte gerne die Untersuchung bis nach Beendigung des Unterrichts verschoben, aber Fräulein Klingenstein war zu sehr erregt und wollte sich nicht gedulden. »Bedenken Sie nur,« rief sie, »es war die schönste Arbeit der ganzen Klasse, in tadellosem Zustand ist sie hinaufgekommen in die Kammer und so kommt sie wieder herunter. Es muß sie jemand absichtlich droben in der Kammer verdorben haben!«

»Es ist mir unerklärlich, wie so etwas geschehen konnte,« sprach Fräulein von Zimmern, »es hält sich ja nie eines der Kinder allein droben auf. Wir müssen in allen Klassen nachfragen, ob keine der Schülerinnen eine Erklärung geben kann. Weiß keine von euch etwas darüber zu sagen?« fragte Fräulein von Zimmern, indem sie sich an ihre Schülerinnen wandte. Da erhob sich das Mädchen, das am Samstag die Arbeiten hinaufgetragen und dabei Gretchen auf der Treppe getroffen hatte. Sie erzählte ihre Begegnung, und daß Gretchen ihr keine Antwort auf die Frage gegeben habe, was sie dort oben zu tun gehabt habe.

»Dann ist alles klar,« sprach Fräulein Klingenstein sofort mit größter Bestimmtheit. »Gretchen Reinwald, die sehr schlecht arbeitet, hat natürlich einen Haß auf Ottilie, die ich ihr erst in der letzten Stunde als Muster vorgehalten habe und die sich auch über Gretchens Strickerei lustig gemacht hat. Sie wollte sich rächen, das törichte Kind, als ob so etwas nicht gleich ans Licht käme!«

»Nur sachte, Fräulein Klingenstein,« mahnte Fräulein von Zimmern. »Wir wissen zunächst noch gar nichts, als daß das Kind auf der Treppe gesehen wurde, und die Kleine macht mir durchaus nicht den Eindruck, als ob sie solcher Bosheit fähig wäre. Ich will die Sache selbst untersuchen.«

Die beiden Lehrerinnen kehrten zusammen in die zweite Klasse zurück. »Kinder,« sprach Fräulein von Zimmern, »hat eine von euch sich einen mutwilligen Streich mit dieser Arbeit erlaubt oder sie aus Ungeschick verdorben?«

Alles blieb still.

»Liebe Kinder,« sprach Fräulein von Zimmern in ungewöhnlich sanftem Ton, »jedes Unrecht kann man dadurch wieder gut machen, daß man es offen eingesteht. Wer mir seinen Fehler bekennt, ist mir nachher wieder so lieb wie vorher. Darum sagt mir nun aufrichtig: Hat eine von euch diese Arbeit berührt?«

Wieder erfolgte keine Antwort, lautlose Stille herrschte in der ganzen Klasse.