»Nun,« begann Fräulein von Zimmern wieder, »ich weiß, es ist sehr schwer, vor allen Mitschülerinnen sein Unrecht zu bekennen. Ich will's euch leichter machen. Heute, von zwölf bis zwei Uhr, bin ich für jede von euch, die mir etwas mitteilen will, in meinem Zimmer zu sprechen. Bedenket aber auch, daß die Sache früher oder später doch ans Licht kommen wird, und daß ich ein Kind nicht in meiner Schule behalten werde, welches mir seinen Fehler nicht eingestanden hat.«

Fräulein von Zimmern wandte sich zum Gehen, Fräulein Klingenstein begleitete sie zur Türe.

»Bitte, von Ihrem Verdacht nichts merken zu lassen,« flüsterte ihr die Vorsteherin zu.

Der Mittag verging, schon war es bald zwei Uhr. Fräulein von Zimmern lauschte auf jeden Schritt, hoffend, daß eine kleine, reuige Sünderin bei ihr eintreten und ihre Schuld eingestehen werde. Aber umsonst – alle Schritte verloren sich in die Klassenzimmer, es schlug zwei Uhr, der Unterricht mußte beginnen. Fräulein von Zimmern trat in die zweite Klasse ein, der sie um diese Zeit Schreibstunde zu geben pflegte. Die Kinder saßen schon an ihren Plätzen.

»Gretchen Reinwald,« fragte Fräulein von Zimmern, »bist du am Samstag nach zwölf Uhr in der oberen Kammer gewesen?«

»Nein,« antwortete Gretchen.

»Aber man hat dich von dort herunter kommen sehen.«

»Ich war bloß auf der Treppe.«

»Was tatest du auf der Treppe?«

Gretchen wurde sehr rot. »Ich wollte in die Kammer gehen, aber ich habe es nicht getan, ich bin gleich auf der Treppe wieder umgekehrt.«