»Hast du eine Ahnung, wer deine Arbeit verdorben hat?« fragte sie dieselbe.
»Das hat ganz gewiß Gretchen Reinwald getan, ich weiß wohl, daß sie mich nicht leiden kann, weil ich besser stricke als sie.«
»Hast du sie denn einmal darüber verspottet?«
»O, bloß im Spaß!«
»Das ist sehr unschön von dir, Ottilie. Du bist ein Jahr älter als sie und hast schon lange Strickunterricht, während sie in ihrer Schule noch keinen hatte. So ist's doch ganz natürlich, daß du weiter bist und gar kein Grund zum Spott da. Sollte Gretchen wirklich deine Arbeit verdorben haben, so wärest du selbst mit Schuld, dadurch, daß du sie so gereizt hast. Ich hoffe aber, daß sich ihre Unschuld bald herausstellt. Gehe nun hinüber in die vierte Klasse und bitte Fräulein Klingenstein, zu mir zu kommen.«
Als Fräulein Klingenstein kam, teilte ihr die Vorsteherin mit, was Gretchen auf ihre Fragen geantwortet habe.
»Die Ausrede ist nicht übel,« rief Fräulein Klingenstein, »und ich sehe, Fräulein von Zimmern, daß Sie daran glauben. Ich aber glaube kein Wort davon! Man hätte nur dem Kind nicht über Mittag Zeit lassen sollen, sich eine gute Entschuldigung auszudenken, wahrscheinlich hat man ihr daheim darauf geholfen.«
»Fräulein Klingenstein,« erwiderte Fräulein von Zimmern sehr ernst, »hätten Sie so oft wie ich die Erfahrung gemacht, wie sehr der Schein trügt, und wie leicht man zu einem falschen Verdacht kommt, so würden Sie nicht so rasch mit Ihrem Urteil sein. Das Kind macht einen so durchaus aufrichtigen, wahrhaftigen Eindruck, daß ich ihm ein solch hartnäckiges Leugnen nicht zutrauen kann.«
»Mit ihrer Wahrhaftigkeit ist es nicht so weit her, dafür habe ich Beweise. Ich verlangte in der ersten Stunde, daß sie mir ihren früheren, offenbar sehr schlecht gearbeiteten Strickstrumpf mitbringen solle. Sie wollte gleich nicht; als ich aber darauf bestand, versprach sie es. In der nächsten Stunde aber versicherte sie, er sei gar nicht zu finden, und er ist auch seitdem noch nicht zum Vorschein gekommen.«
»Es ist freilich nahe liegend zu denken, daß dies bloß eine Ausrede war,« sprach Fräulein von Zimmern, »aber sicher ist auch das nicht. Die Familie war eben erst umgezogen, die Mutter krank –«