Fräulein Klingenstein zuckte die Achseln. »Ich sehe wohl, Sie wollen auch das nicht glauben; immerhin muß irgend jemand Ottiliens Arbeit verdorben haben, und wem sonst wollen Sie es zutrauen?«

Darauf wußte Fräulein von Zimmern keine Antwort. »Ich werde mit unserem Pfarrer darüber sprechen,« sagte sie nach längerem Überlegen, »er hat schon manchmal ein Geständnis erreicht, wo ich es nicht zustande brachte. Bis sich aber alles aufgeklärt hat, ersuche ich Sie, außerhalb der Schule nicht über die Sache zu sprechen.«

Als Fräulein von Zimmern wieder in die zweite Klasse zurückkam, beugten sich zwar alle Köpfe über die Hefte, aber man sah den aufgeregten Gesichtern wohl an, daß nicht die ganze Zeit ruhig weiter geschrieben worden war, und Gretchen gab sich auch jetzt nicht den Schein. Sie hatte den Kopf in die Hände gestützt und konnte ihr Schluchzen nicht verbergen.

»Warum weinst du?« fragte Fräulein von Zimmern.

»Sie sagen alle, ich hätte das Strickzeug verdorben, und wenn ich auch sage, es sei nicht wahr, so glauben sie mir's doch nicht!«

»Aber ich glaube es ihr!« rief Hermine Braun, und noch ein paar Kinder stimmten ihr bei, aber die meisten schwiegen still.

»Wir reden jetzt nicht mehr davon,« sprach Fräulein von Zimmern, »wenn du ein gutes Gewissen hast, so brauchst du nicht zu weinen, denn die Sache wird früher oder später an den Tag kommen. Schreibt weiter!«

Es verging jedoch ein Tag um den andern, ohne irgend welche Aufklärung zu bringen. Der Herr Pfarrer hatte mit den Kindern gesprochen, aber er hatte ebenso wenig herausgebracht wie Fräulein von Zimmern.

Fräulein Klingenstein fand es unbegreiflich, daß man noch immer nicht an Gretchens Schuld glauben wollte, und unverzeihlich, daß diese nicht gestraft wurde.

Herr und Frau Reinwald waren tief betrübt über den schlimmen Verdacht, der auf ihrem Kind lastete, und Gretchen selbst litt bitter darunter.