Da traf sich's, daß im Heimweg von der Schule Gretchen einen kleinen Unfall erlitt. Leichtes Glatteis hatte die Straßen überzogen, Gretchen rutschte aus und fiel so unglücklich auf den Fuß, daß sie nur noch mit Mühe nach Hause konnte. Über Nacht wurde der Fuß schmerzhaft und geschwollen, es mußten Umschläge gemacht werden, und Gretchen bekam ein paar Tage Hausarrest. So lag sie eines Nachmittags auf dem Sopha. Sie hatte ein Buch in der Hand, aber sie sah darüber weg, ihre Gedanken waren wieder in der Schule bei dem unglückseligen Strickstrumpf. Da klingelte es – und Gretchen wurde dunkelrot vor freudiger Erregung – ihr geliebter Pfarrer trat herein und sagte, er wolle sich nach der kleinen Patientin umsehen. Bald saß er zwischen ihr und der Mutter, hörte teilnehmend von ihrem kleinen Unfall, von Frau Reinwalds Krankheit, und ließ sich allerlei von Föhrenheim erzählen, und je länger er da war, und je mehr er Mutter und Tochter kennen lernte, um so fester wurde seine Überzeugung, daß Gretchen nicht getan haben konnte, was man ihr nachsagte.
»Nun hoffe ich, dich bald wieder in der Schule zu sehen,« sprach der Pfarrer, als er sich erhob, um sich zu verabschieden.
»Ich hoffe es auch,« sprach Frau Reinwald, »Gretchen aber kann sich gar nicht auf die Schule freuen, so lange man einen so schlimmen Verdacht auf sie hat.«
»Das begreife ich wohl,« sprach der Pfarrer und ergriff freundlich Gretchens Hand, »vielleicht tut es dir wohl zu hören, daß ich nicht an deine Schuld glaube. Ich hoffe auch, daß deine Unschuld an den Tag kommen wird und bitte Gott darum. Wenn es aber sein Wille nicht ist, mein Kind, so mußt du es hinnehmen als ein Kreuz, das er dir auferlegt und es willig tragen, dann wird es dir Segen bringen.«
Noch viele freundliche Worte sprach der Pfarrer, die Mutter und Kind gleich wohl taten, und als er wieder fort war, kam es Gretchen vor, als könnte sie's nun viel leichter tragen.
Gretchen durfte erfahren, daß sie doch nimmer ganz fremd war in der Residenz, denn am nächsten Tag kam wieder ein lieber Besuch: Ganz bescheiden klopfte es an der Türe und herein trat: Hermine Braun. So lieb sich die beiden Kinder hatten, waren sie doch bis jetzt noch nie außer der Schule zusammengekommen und so war dieser Besuch eine ganz ungewohnte Freude für Gretchen, und auch die Mutter war bald durch das sanfte, liebevolle Wesen der kleinen Hermine gewonnen und forderte sie freundlich auf, öfter zu kommen. Als Hermine wieder gehen wollte, fragte Frau Reinwald, ob Fräulein von Zimmern wohl in Krankheitsfällen gestatte, daß die Kinder ihre Handarbeiten mit nach Hause bekämen, um nicht so weit hinter den anderen zurückzubleiben. Hermine wußte es nicht, versprach aber, morgen um Erlaubnis zu bitten und dann Gretchens Arbeit zu bringen. Sie vergaß ihr Versprechen nicht und erhielt auch gerne die Erlaubnis von Fräulein von Zimmern. So stieg denn Hermine am Samstag um 12 Uhr die Treppe hinauf, gerade so wie es Gretchen zu ihrem Unglück acht Tage vorher getan hatte. Als sie aber durch die halbgeöffnete Kammertür trat, blieb sie erstaunt stehen. Vor dem Ständer, auf dem die Körbchen ihren Platz hatten, saß das kleine Kind der Putzfrau, die Samstags immer das Schulhaus reinigte. Es hatte in seinem Schoß eines der Arbeitskörbchen, hielt in den Händen ein paar Stricknadeln und sagte vergnügt vor sich hin: »Viele, viele Nadeln.« Zuerst wollte Hermine auf das Kind zugehen und ihm die Sachen wegnehmen, dann aber besann sie sich anders, denn wie ein Blitz fuhr ihr der Gedanke durch den Kopf: »Dies Kind ist's, das Ottiliens Arbeit verdorben hat!« Auf den Zehen schlich sie sich wieder hinaus, rannte die Treppe hinunter und stürzte atemlos von einem Zimmer ins andere, bis sie endlich Fräulein von Zimmern in der Klasse der Großen traf, die noch beisammen waren.
»Bitte, Fräulein von Zimmern, kommen Sie mit mir in die Kammer hinauf, aber schnell, bitte, bitte,« drängte Hermine und Fräulein von Zimmern, die schon an Feuersgefahr und dergleichen dachte, eilte der voranstürmenden Hermine nach. Ein ganzes Gefolge von neugierigen Mädchen ging hinter ihnen die Treppe hinauf, Hermine aber ermahnte immer nur: »Leise, ganz leise!« so daß allen ganz unheimlich zu Mute wurde, bis sie endlich vor der Kammertüre anlangten, ängstlich hineinblickten und nichts sahen als ein harmlos spielendes Kindlein, das Stricknadeln in der einen Hand, den Korb in der anderen, dem Knäuel nachrutschte, der vor ihm herkollerte und nun, beim Anblick der vielen fremden Gesichter, das Mäulchen verzog und anfing zu weinen.
Fräulein von Zimmern hatte sofort begriffen, um was es sich hier handelte: Der kleine Eindringling, der heute den Weg zur Kammer gefunden hatte, konnte auch am vorigen Samstag darin gehaust haben, und wohl selten noch hatte die gestrenge Vorsteherin mit so großer Befriedigung eine solche Ungehörigkeit entdeckt. Auf das Weinen des Kindes aber eilte dessen Mutter herbei, die in einer anderen Kammer den Boden geputzt hatte. Mit tausend Entschuldigungen hob sie Korb, Knäuel und Nadeln auf, dann nahm sie den Kleinen vom Boden, und patschte ihm auf die Händchen, indem sie zu ihm rief: »Habe ich dir nicht schon gesagt, die Körbchen darf man nicht nehmen? Hast du nicht erst am letzten Samstag auf die Hände bekommen? Willst du's noch einmal tun?« Während die Frau mit dem weinenden Kind abging, ergriff Hermine Gretchens Arbeitskorb und sagte voll Eifer zu Fräulein von Zimmern: »Ich gehe jetzt zu Gretchen, nicht wahr, ich darf ihr doch alles sagen?«
»Gewiß, mein Kind, erzähle ihr alles, und sage ihr, wie herzlich es mich freut, daß nun der wahre Missetäter entdeckt und ihre Unschuld an den Tag gekommen ist.«
Wie flog Hermine durch die Straßen, wie eilte sie die Treppen hinauf, bis sie endlich atemlos vor Gretchen und ihrer Mutter stand und kaum die Worte herausbringen konnte: »Man weiß jetzt, wer's getan hat!« Gretchen wußte augenblicklich was die Freundin meinte, und nach und nach kam auch die ganze Erzählung und Fräulein von Zimmerns Auftrag ordentlich heraus. Ach, das war nun ein Glück und eine Freude! Gretchen vergaß ganz und gar, daß sie ihren Fuß noch schonen sollte, sprang im Zimmer umher vor Vergnügen, fiel bald der Mutter, bald Hermine um den Hals und stürmte dann hinaus, um die frohe Nachricht der Lene mitzuteilen, die mit der ganzen Residenz gezürnt hatte, seitdem man ihren Liebling so verdächtigt hatte. Gretchen wollte die Freundin gar nicht mehr fortlassen, der sie die Entdeckung verdankte, aber endlich mußte Hermine doch zum Essen heim, sie hatte sich schon zu lange verweilt. Am Nachmittag aber hielt Lene geheime Beratung mit Frau Reinwald, und das Resultat war, daß Hermine auf den Sonntag Nachmittag eingeladen werden sollte und da wollte Lene Waffeln backen und Apfelmus kochen, so fein wie's keine Residenzköchin besser könne! Und Lene hielt Wort.