Als Fräulein Klingenstein von der Sache hörte, wurde es ihr unbehaglich zu Mute, denn sie hatte trotz Fräulein von Zimmerns ausdrücklichem Verbot da und dort von Gretchens Missetat erzählt. Sie hoffte, die Vorsteherin würde dies nicht erfahren. Aber Fräulein von Zimmern erhielt doch Kenntnis davon, und als am Montag die Kinder wieder in die Schule kamen, ging von Mund zu Mund die Kunde: »Fräulein Klingenstein kommt nicht mehr, wir bekommen eine andere Arbeitslehrerin.«
Dreizehntes Kapitel.
Fräulein Treppners Hund.
Längst war die Schwierigkeit mit dem Kettenmuster überwunden und doch ging Gretchen noch beinahe jeden Abend zu Fräulein Treppner. Frau Reinwald durfte nicht wissen, was da drunten gemacht wurde, aber Herr Reinwald und Lene waren in das Geheimnis eingeweiht, sie wußten, daß Gretchen unter Fräulein Treppners Anleitung einen schönen Kragen für die Mutter zu Weihnachten strickte. Je weiter die Arbeit fortschritt, um so glücklicher war Gretchen und ihre Freude tat dem alten Fräulein wohl; seit langen, langen Jahren hatte sie kein fröhliches Kindergeplauder mehr bei sich gehört; wenn nun Gretchen neben ihr saß und mit leuchtenden Augen von den geheimnisvollen Vorbereitungen erzählte, die droben schon das nahe Christfest ankündigten, oder wenn sie die Weihnachtslieder hersagte, die sie in der Schule singen durfte, dann kamen dem alten Fräulein längst entschwundene Erinnerungen aus der eigenen Kinderzeit wieder in den Sinn und dann erzählte auch sie aus ihrem Elternhaus, und die Stunden vergingen den beiden nur zu schnell.
Aber Molly, der alte, verdrießliche Molly, konnte sich nicht an Gretchen gewöhnen; er war eifersüchtig, daß er nun nicht mehr der einzige Freund seiner Herrin war und bellte wütend, so oft Gretchen kam. Heute wollte er wieder sein Knurren und Brummen gar nicht lassen.
»Aber Molly,« redete ihm Fräulein Treppner zu, »kannst du dich denn gar nicht zufrieden geben? Komm her, Alter,« sagte sie schmeichelnd, »du bist ja doch mein Liebling, ja, ja, wir kennen uns ja schon lang!« und Fräulein Treppner streichelte das Tier, das ihr auf den Schoß gesprungen war und freudig wedelte bei ihren Liebkosungen.
»Wie gut er Sie versteht und wie lieb er Sie hat,« sagte Gretchen und sah verwundert zu, wie zärtlich die beiden mit einander taten.
In diesem Augenblick aber fiel Fräulein Treppners Knäuel, den sie vor sich auf den Tisch gelegt hatte, hinunter. Rasch glitt Gretchen vom Stuhle herunter und bückte sich unter den Tisch, um ihn aufzuheben. Aber eben so rasch war Molly von Fräulein Treppners Schoß heruntergesprungen und als Gretchen ihre Hand nach dem Knäuel ausstreckte, fuhr das böse Tier ihr an den Arm und biß sie. Gretchen tat einen Schrei, erschrocken rief Fräulein Treppner den Hund zurück und zog Gretchen zu sich.
»Was ist's, Kind?« fragte Fräulein Treppner.