»O nichts,« versicherte Gretchen, »er hat mich nur ein wenig in den Arm gebissen, aber es tut nicht weh.«

»Zeig her, Kind!«

Am Arm war nicht viel zu sehen, bloß eine kleine, blaurote Stelle, aber der Ärmel des Tuchkleids, das Gretchen trug, zeigte ein kleines Loch, der Zahn des Hundes war noch durchs Futter gedrungen.

»Ach, Kind, wie bin ich erschrocken! Gottlob, daß du so ein gutes, dichtes Kleid anhattest,« sagte das Fräulein, und nun wurde Molly zur Strafe ins andere Zimmer hinausgesperrt und Fräulein Treppner versicherte, er müsse nun jeden Abend hinaus, ehe Gretchen hereinkomme. Der Hund winselte erbärmlich, denn er fühlte, daß er sehr in Ungnade gefallen war. Gretchen hatte den kleinen Schrecken bald vergessen, und da sie sich nun vor ihrem Feind sicher fühlte, war es ihr bald wieder ganz behaglich zu Mute, Fräulein Treppner hingegen konnte sich nicht so schnell beruhigen, sie machte Gretchen kalte Umschläge um den Arm und hätte ihr auch gerne den kleinen Schaden am Kleid ausgebessert, aber Gretchen wollte dies nicht zugeben und wunderte sich sehr, daß Fräulein Treppner so viel aus der kleinen Sache machte.

Noch mehr sollte sich aber Gretchen über den Vater wundern, als dieser beim Abendessen von ihrem kleinen Abenteuer erfuhr. Obwohl die Mutter ihm gleich versicherte, daß nicht einmal die Haut am Arm verletzt sei, war der Vater doch sehr erzürnt und erklärte aufs bestimmteste, Gretchen dürfe nie mehr die Wohnung des alten Fräuleins betreten. Das war nun ein Schrecken für Gretchen! Augenblicklich sah sie im Geist ihre halb vollendete Weihnachtsarbeit vor sich und dann stellte sie sich das alte Fräulein vor, das jeden Abend vergeblich auf sie warten würde und das sich noch mehr grämen müßte über das Unglück mit dem Hund. »O, Vater,« bat Gretchen, »laß mich doch wieder hinunter, der Molly kommt nun immer ins Nebenzimmer, so lange ich da bin, Fräulein Treppner hat es schon versprochen.«

»Darauf kann ich mich nicht verlassen,« sprach der Vater, »wenn ihr Liebling recht winselt und heult, läßt sie ihn doch wieder herein. Es bleibt dabei, du betrittst ihre Wohnung nicht mehr, Lene mag ihr sagen warum.«

Als alle Bitten nichts halfen, brach Gretchen in Tränen aus, aber da kam auch wieder des Vaters wohlbekannter Ausspruch: »Geweint wird draußen,« und Gretchen mußte das Zimmer verlassen. Sie schüttete Lene ihr Herz aus und obwohl diese immer noch ein Vorurteil gegen Fräulein Treppner hatte, so war ihr die Sache doch wegen der schönen Weihnachtsarbeit leid und sie wußte keinen Rat, wie diese ohne Fräulein Treppners Hilfe fertig zu machen sei. Während Gretchen ihr Leid in der Küche klagte, sprach Herr Reinwald zu seiner Frau: »Wer so ein bissiges Tier um sich leiden mag, das allen Leuten lästig, ja sogar gefährlich werden kann, der verdient nicht, daß Menschen bei ihm aus- und eingehen.«

Am nächsten Abend wartete Fräulein Treppner zur gewohnten Zeit vergeblich auf Gretchen. Unruhig ging sie hin und her, sah auf die Uhr, horchte auf jeden Tritt auf der Treppe. »Das Kind kommt nicht, Molly, das hast du mir angetan,« sprach sie in traurigem Ton zu ihrem Hund; dieser aber streckte sich behaglich aufs Sofa, ihm war's recht so. Durch das Milchmädchen erfuhr Fräulein Treppner, daß Gretchen ihre Wohnung nimmer betreten dürfe, und auf demselben Wege erhielt Gretchen ihre angefangene Arbeit zurück, an der sie nun nicht weiter machen konnte. Es war dem Kind zu Mute, als wäre ihm dadurch die ganze Weihnachtsfreude verdorben.

Acht Tage waren darüber hingegangen und Gretchen kam eben von der Schule heim. Als sie die erste Treppe hinaufstieg, sah sie, daß Fräulein Treppner oben stand und auf sie wartete. Sie sah nicht zürnend aus, wie damals, als Gretchen an derselben Stelle zum erstenmal ihre Bekanntschaft gemacht hatte, aber es lag ein trauriger Ausdruck auf ihrem Gesicht, als sie jetzt zu Gretchen sprach: »Sage deinen Eltern, daß ich meinen Molly fortgetan habe. Heute Morgen hat man ihm ein Pulver eingegeben, das ihn eingeschläfert hat, so daß er nimmer erwacht.«