»O, o, Fräulein Treppner,« rief Gretchen ganz bestürzt, »das muß Ihnen aber leid tun!«

Fräulein Treppners Augen wurden feucht, sie wollte es nicht merken lassen und verschwand hinter ihrer Türe, ohne weiter ein Wort zu sagen. Gretchen kam aber ganz erfüllt von dieser Neuigkeit zu ihrer Mutter.

»Das hat sie dir zu Liebe getan, Kind,« sagte die Mutter, »es mag dem alten Fräulein bitter weh getan haben, sich von ihrem Liebling zu trennen.«

»Ach ja, Mutter, sie sieht auch ganz traurig aus! Wenn sie es aber meinetwegen getan hat, werde ich doch wenigstens wieder zu ihr dürfen?«

»Gewiß, jetzt wird's der Vater wieder erlauben.«

Mutter und Tochter sprachen ganz gerührt von dem einsamen Fräulein, als der Vater kam. Gretchen ging ihm gleich entgegen, um ihm auch das Ereignis mitzuteilen. Der Vater nahm's kühler. »Das ist das einzig Vernünftige, was das alte Fräulein tun konnte,« sprach er, »das kannst du ihr heute Abend von mir ausrichten. Es gäbe bald keine so häßlichen Kläffer mehr, wenn man nur zu den Leuten nicht mehr ginge, bei denen man so ungastlich begrüßt wird.«

An diesem Abend mußte Fräulein Treppner nicht vergeblich warten, Gretchen kam schon früher als sonst mit ihrer Arbeit. Besorgt sah sie auf Fräulein Treppner, ob diese wohl noch so traurig aussähe wie heute Morgen. Aber es war nicht der Fall; sie schien jetzt nur an Gretchen und nicht an Molly zu denken, und dem Kind war's noch nie so behaglich bei dem alten Fräulein gewesen wie an diesem Abend; konnte sie sich doch so ungeniert im Zimmer bewegen, ohne daß ihr kleiner Feind sie mit bösen Blicken und drohendem Knurren verfolgte. Es wurde nun tüchtig gearbeitet, denn Weihnachten stand schon nahe vor der Türe und die versäumte Woche mußte nachgeholt werden.

Von nun an fehlte Gretchen keinen Abend mehr bei Fräulein Treppner, und als der Weihnachtsabend kam und die Familie Reinwald um den brennenden Christbaum versammelt war, lag wirklich der schöne Kragen zu der Mutter größten Überraschung fertig auf dem Bescherungstisch, und Gretchen war ganz glücklich, daß sie zum erstenmal eine wirklich brauchbare, nützliche Arbeit zu stande gebracht hatte.

»Nun, und was für ein Weihnachtsgeschenk hast du denn für Fräulein Treppner?« fragte Herr Reinwald sein Töchterchen, nachdem er auch den Kragen gehörig bewundert hatte. Gretchen sah ihn erstaunt an. »Für Fräulein Treppner habe ich nichts,« sagte sie.

»Nichts? Für diese bewundernswerte Lehrerin, die dir das berühmte Kettenmuster beigebracht hat, bei der du diese Riesenarbeit anfertigen durftest und die ihren besten Freund wegen dir in den Tod gegeben hat, nichts für sie? Gar nichts?«