Gretchen wollte es ganz bange werden bei des Vaters eindringlichem Fragen, aber die Mutter, die daneben stand, sah sie so geheimnisvoll lächelnd an, daß es Gretchen war, als wüßte sie einen guten Ausweg aus dieser Verlegenheit. Und nun lächelte auch der Vater, führte Gretchen an ein Seitentischchen und sagte: »Sieh, da habe ich doch mehr Herz als du für dein Fräulein Treppner, da sieh her, das bekommt sie von mir!« Und nun hob der Vater ein Tuch auf, und vor Gretchen stand ein schöner großer Vogelkäfig mit zwei allerliebsten Kanarienvögeln, die ganz freundschaftlich neben einander auf der Stange saßen. Gretchens Freude war unbeschreiblich! Daß der Vater etwas Lebendiges für Fräulein Treppner gewählt hatte, beglückte sie am meisten, es war gewiß der beste Ersatz für den verlorenen Liebling. »O Vater,« rief Gretchen eifrig, »bringst du sie ihr nicht gleich heute Abend hinunter? Sie dauert mich so, daß sie am heiligen Abend ganz allein ist!«

»Ich weiß nicht, ob das Fräulein mich so spät am Abend noch empfangen würde, aber wenn du es etwa für mich besorgen wolltest?«

Daß Gretchen wollte, können wir uns wohl denken! Vorsichtig ging sie mit ihrem kostbaren Schatz hinunter und bald hörten die Eltern von unten herauf ihre fröhliche Stimme in dem Zimmer von Fräulein Treppner. Doch nicht lange dauerte es, so kam sie wieder herauf, es zog sie zum Christbaum und zu ihren eigenen Herrlichkeiten und sie mußte den Eltern berichten, daß Fräulein Treppner bis zu Tränen gerührt war vor Freude und Dankbarkeit. »Und denkt nur,« fügte Gretchen hinzu, »sie ist gar nicht allein, wie ich gemeint hatte, es ist eine Freundin bei ihr und sie hat mir erzählt, daß sie früher fast täglich beisammen waren, aber das Fräulein hat auch einen Hund, den hat der Molly einmal gebissen und seitdem hatten sie Feindschaft. Aber heute am heiligen Abend haben sie sich versöhnt und sie sitzen ganz gemütlich beisammen am Teetisch.«

»So ist's schön und gut,« sprach Frau Reinwald, »›Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen,‹ haben die Engel gesungen in der heiligen Nacht, und so soll's auch in unserem Hause sein!«


Vierzehntes Kapitel.
Belohnter Fleiß.

Die Weihnachtsvakanz war längst vorüber, in Fräulein von Zimmerns Schule wurde wieder tüchtig gearbeitet, und zu den fleißigen Schülerinnen, die am eifrigsten in die Schule gingen, gehörte nun unser Gretchen. Die köstlichsten Stunden waren und blieben ihr die bei ihrem geliebten Herrn Pfarrer, aber sie war nicht minder eifrig bei Fräulein von Zimmern, und sogar die Handarbeitsstunden hatten ihren Schrecken verloren, seitdem Gretchen durch die Hilfe von Fräulein Treppner und durch die Geduld der neuen Arbeitslehrerin den andern nachgekommen war. Der Januar, der längste und schlimmste Wintermonat, war den Kindern über der regelmäßigen Arbeit rasch vergangen und hatte dem Februar Platz gemacht, der in der Schule von besonderer Bedeutung war, denn in diesem Monat sollten die Kinder neu gesetzt werden, was in jedem Jahr nur dreimal vorkam. Um diese Zeit wurden alle guten und schlechten Noten zusammengezählt, die Lehrer und Lehrerinnen sämtlicher Klassen kamen mit der Vorsteherin zusammen und berichteten über die einzelnen Schülerinnen, dann wurden die Zeugnisse geschrieben und jedem Kind darnach sein Platz zugewiesen. Dies alles erzählten die Kinder in großer Erregung unserem Gretchen, das zum erstenmal dieses Ereignis miterleben sollte. »Du hast's gut, du kannst nicht weiter hinunter kommen,« sagten sie zu ihr, »denn du bist die Letzte.«

»Und ich habe es schlecht, denn ich kann nicht weiter hinauf kommen,« meinte Ottilie.

Der große Tag kam. Fräulein von Zimmern erschien im Schulzimmer mit einem Paket Heftchen in der Hand. Nun mußten alle Kinder ihre Plätze verlassen und sich längs der Wand aufstellen. »Stille,« befahl nun Fräulein von Zimmern. Alles schwieg, nur da und dort bewegte sich noch die eine oder andere. »Es ist noch nicht ganz stille!« rief Fräulein von Zimmern. Nun aber rührte sich nichts mehr und es herrschte lautlose Stille in dem Gemach.

»Ich werde die Erste vorrufen, sie wird dann ihr Zeugnis in Empfang nehmen, sich bedanken und sich an den ersten Platz setzen, dann die Zweite u. s. f. Tränen will ich nicht sehen, wer Unzufriedenheit mit seinem Platz zeigt, erhält gleich wieder die erste schlechte Note für's nächste Zeugnis.« Nun ergriff Fräulein von Zimmern das erste Heftchen und rief: »Anna Helldorf«. Die Gerufene trat freudig errötend vor, erhielt ihr Zeugnis, bedankte und verbeugte sich und nahm den ersten Platz ein. Ebenso machte es »Elise Sturm« als zweite. Und nun hieß es »Hermine Braun« und gleich darauf, als vierte: »Gretchen Reinwald«. Diese konnte kaum glauben, daß sie schon an die Reihe kommen sollte und hätte ihre Nachbarin sie nicht leise angestoßen, so hätte sie kaum gewagt, vorzutreten. Als Fräulein von Zimmern ihr das Zeugnis übergab, sprach sie: »Sage deinem Vater, es freue mich, daß du dich so rasch eingearbeitet habest.« Erst als sechste wurde Ottilie gerufen. Als sie vortrat, sprach Fräulein von Zimmern: »Du solltest nicht so weit hinten sitzen, Kind; das Lernen wird dir ja so leicht. Die schlechten Noten wegen deines oft unfreundlichen Betragens gegen deine Mitschülerinnen haben dich so zurückgebracht; gib dir Mühe, daß du dich wieder hinaufarbeitest.«