Als die letzte an die Reihe kam, die auch schon vor Gretchens Eintritt in die Schule die letzte gewesen war, sprach Fräulein von Zimmern sehr gütig: »Du bist wieder die Letzte geworden, mein Kind, aber glaube nicht, daß ich dich deswegen weniger lieb habe. Das Lernen wird dir schwer, weil du viel krank bist und dein Kopf schwach ist. Dafür kannst du nichts; dein Betragen war gut, ich bin zufrieden mit dir.«
Alle saßen nun an ihren neuen Plätzen. Die Erste mochte sich wohl recht glücklich fühlen, aber glücklicher gewiß nicht als Hermine und Gretchen, die zwei Herzensfreundinnen, die nun neben einander sitzen durften. Gretchen konnte es kaum erwarten, dieses Glück daheim verkündigen zu dürfen, und als sie zum Mittagessen kam, jubelte sie gleich den Eltern entgegen: »Heute sind wir gesetzt worden, ich habe den schönsten Platz, denn ich sitze neben Hermine!«
»So?« fragte der Vater, »dann ist wohl Hermine die Vorletzte geworden?«
»Aber Vater, wie kannst du nur so etwas von Hermine denken! Nein, sie ist die dritte und ich bin die vierte.«
»Nun, das läßt sich hören,« sagte der Vater sehr befriedigt, und als Gretchen ausrichtete, was ihr Fräulein von Zimmern aufgetragen hatte, waren die Eltern beide sehr erfreut. Die Mutter zog ihr Töchterlein liebevoll an sich und der Vater sprach: »In diesem Winter bist du fleißig gewesen, jetzt kann man sich auch ganz anders darüber freuen, daß du vorgerückt bist, als damals in Föhrenheim. Nun aber könntest du einmal hinausgehen ins Schlafzimmer und sehen, ob alle Bilder gerade hängen!« Lachend sprang Gretchen hinaus. Als die Eltern allein waren, sprach Herr Reinwald zu seiner Frau: »Wir wollen es ihr gleich geben, hast du es schon zusammengemacht?«
»Ja wohl, hier ist es,« sagte Frau Reinwald, nahm ein kleines Päckchen aus ihrem Schreibtisch und legte es auf Gretchens Platz am Tisch. Gretchen hatte für so etwas gute Augen, sie war kaum wieder im Zimmer, so hatte sie auch das Päckchen schon bemerkt. Sie nahm es in die Hand und las laut die Aufschrift: »Reisegeld zum Osterbesuch in Föhrenheim,« und das Paketchen enthielt mehrere Markstücke. Zuerst verstand Gretchen gar nicht recht, wie das gemeint war, als ihr aber die Mutter mitteilte, daß die gute Frau Apotheker von Föhrenheim angefragt habe, ob Gretchen nicht in der Ostervakanz kommen dürfe, und daß es ihr die Eltern nun gern erlauben würden, war Gretchen überglücklich und umarmte ihre Eltern voll Dankbarkeit. Dann aber gab's allerlei Fragen: »Wie lange darf ich in Föhrenheim bleiben?«
»Eine ganze Woche.«
»Geht ihr mit mir?«
»Ich kann nicht,« sprach der Vater, »und die Mutter darf nicht, sie könnte sich wieder verderben. Aber dein Reisegeld reicht für zwei Personen, deshalb würde ich dir raten, einmal bei Lene anzufragen, ob sie sich dazu hergäbe, dich zu begleiten und die acht Tage, die du in Föhrenheim bleibst, bei ihren Eltern zuzubringen?«
»Weiß sie noch gar nichts davon?«