»Bewahre, wir wußten ja heute Morgen selbst noch nicht, ob du nicht in der Schule die Letzte bleibst und dann wäre nichts aus der Reise geworden. Aber jetzt darfst du's Lene sagen.«
Gretchen wußte schon, daß Lene nicht »nein« sagen würde, aber das hätte sie doch nicht gedacht, daß ihr bei dieser unerwarteten Glücksbotschaft die hellen Freudentränen kommen würden. Lene war eben immer noch nicht ganz heimisch in der Residenz und dachte oft mit Sehnsucht an Föhrenheim und an ihr heimatliches Dorf, das nur eine halbe Stunde entfernt lag. Sie konnte es gar nicht fassen und glauben, daß sie es so bald wieder sehen sollte, und als sie bei Herrn und Frau Reinwald ihre Dankbarkeit ausgesprochen hatte, sagte Herr Reinwald zu seiner Frau: »Die freut sich ja fast noch mehr als das Kind!«
»Ja, und es ist ihr die Freude auch ebenso sehr zu gönnen,« antwortete Frau Reinwald, »sie hat sie verdient durch ihre treue Pflege während meiner Krankheit.«
Von nun an hatten Gretchen und Lene fast keine andern Gedanken mehr, und als sich in den nächsten Tagen ein milder Tauwind erhob, hätte man meinen können, der Frühling sei schon vor der Türe. Aber es kam noch einmal ganz anders, es fing wieder an zu schneien und wurde so bitter kalt, wie es den ganzen Winter noch nicht gewesen war. Da wollte Gretchen ganz mißmutig und ungeduldig werden; die Schule war ihr gar nicht mehr so wichtig, weil sie immer schon an die Osterferien dachte, und einmal vergaß sie ganz, die Rechnungen zu schreiben, die sie aufbekommen hatte, und das trug ihr eine schlechte Note ein. »Ei, Gretchen,« sprach die Mutter, als sie dies erfuhr, »wir haben dir die Reise versprochen als Belohnung deines Fleißes, und nun ist dieser Fleiß auf einmal weg? Ist das dein Dank für die Freude, die wir dir machen wollen?«
Beschämt schlug Gretchen die Augen nieder.
»Du mußt dir die Reise noch einmal aus dem Sinn schlagen und nicht immer warten und wünschen, daß die Tage vorüber gehen. Nie kommen sie uns länger vor, als wenn wir sie so ungeduldig weg wünschen, während uns die Zeit nur so verfliegt, wenn wir sie gewissenhaft und treu ausnützen. Willst du's probieren?«
»O ja, Mutter,« sagte Gretchen und augenblicklich setzte sie sich an die Arbeit und machte ihre Sache so schön und pünktlich wie nur möglich, und als auf dem Schulweg Hermine zu ihr sagte: »Heute erzählst du mir ja gar nichts von Föhrenheim,« da antwortete Gretchen ganz bestimmt: »Ich rede überhaupt nimmer von Föhrenheim und denke auch gar nimmer an die Reise, bis Ostern da ist.«
Gretchen hielt Wort und seitdem vergingen auch wirklich die Tage und Wochen viel schneller und endlich tropfte es von allen Dächern, der Schnee schmolz und der Frühling kam. Lene brachte einen Strauß Palmkätzchen vom Markt mit heim, und endlich kam auch der schöne Palmsonntag und mit ihm begann die Ostervakanz. Gretchen machte ihren Abschiedsbesuch bei Hermine, die ihr noch auf der Treppe nachrief: »Wenn du wieder kommst, mußt du mir wieder etwas Neues von deinem Felix Acosta und von dem Schäfer-Hans erzählen,« und Gretchen versprach es. Am Abend mußte sie noch einmal nach Fräulein Treppner sehen, mit der sie immer gute Freundschaft hielt, und endlich half sie der Mutter alles herrichten, was für die große Reise nötig war, wobei ihr die Mutter allerlei Ermahnungen gab, sollte Gretchen doch zum erstenmal das Elternhaus verlassen!