Am Montag morgens um 8 Uhr saß Gretchen im rosafarbenen Osterkleidchen neben ihrer Lene in der Bahn und beide waren in Gedanken versunken, als sie so der alten Heimat entgegenfuhren. Die Lene dachte: »Wie's wohl dem Vater und der Mutter geht und den Geschwistern? Ob unsere Kuh schon ein Kalb hat und wie die Wintersaat steht?« Und Gretchen dachte: »Wer wohl die Erste ist in der Schule und ob der Hans noch auf der letzten Bank sitzt? Ob der Felix Acosta noch so nette Kunststücke macht und wie es in unserer Wohnung aussieht?« Als der Zug aber näher an Föhrenheim kam, da sahen sie beide begierig zum Fenster hinaus und bald hieß es: »Weißt du noch, das ist die Wiese, auf der es immer so viel Schlüsselblumen gegeben hat?« und dann: »Siehst du den Kirchturm? Ich sehe ihn und auch schon das Storchennest auf dem Dach!« und jetzt war man am Bahnhof und ehe sich's Gretchen recht versah, hatte die Frau Apotheker sie schon an der Hand und die kleinen Geschwister von Emilie umringten sie; Emilie selbst aber war nicht da, sie hatte noch Schule.
An der Brücke, die über den Bach ins Städtchen führte, trennte sich Lene, denn da ging die Straße ab, die in ihr Dorf führte, und von dort kamen ihr auch schon ihre Geschwister entgegen. »Auf Wiedersehen in acht Tagen,« rief Gretchen, »aber daß du mich ja nicht früher holst!«
»Habe keine Angst, ich werde es schon so lang daheim aushalten können,« meinte Lene und so ging jedes seine Wege.
Gretchen mußte nun der guten Frau Apotheker viele Fragen beantworten über die Eltern und über die Wohnung in der Residenz, und so waren sie bis ans Schulhaus gekommen.
»Die Schule kann jeden Augenblick aus sein, dann kommt Emilie heim,« sprach die Frau Apotheker.
»O, ich gehe schnell hinauf in die Schule, ich möchte Emilie abholen und möchte sehen, wie sie sich alle verwundern, wenn ich hereinkomme, o bitte, lassen Sie mich hinauf!«
»Gehe du nur, wenn's dir Spaß macht, ich gehe einstweilen mit den Kleinen heim.«
So stieg denn Gretchen mit klopfendem Herzen die altbekannte Schultreppe hinauf. Eine Weile stand sie zögernd vor dem Schulzimmer, dann klopfte sie an. »Herein!« Gretchen machte die Türe auf und nun stand sie all ihren ehemaligen, wohlbekannten Schulkameraden gegenüber, und wohl hundert Augen richteten sich auf sie und von allen Bänken klang es in freudiger Überraschung: »Das Gretchen Reinwald!«
Am Katheder aber stand ein ganz fremder, junger Mann, den Gretchen gar nicht kannte und der nun, ganz erstaunt über die allgemeine Begrüßung, auf Gretchen zuging und fragte: »Was willst du, Kleine, wer bist du?« In diesem Augenblick aber trat der alte Herr Baumann ein, denn Frau Semmelmeier, die immer alles bemerkte, was im und ums Schulhaus herum vorging, hatte Gretchen ins Haus kommen sehen und es für gut befunden, ihren Besuch Herrn Baumann anzukündigen. So kam dieser gerade recht, um die Frage des neuen Lehrers zu beantworten. »Das ist Gretchen Reinwald, eine liebe frühere Schülerin von uns. Du bist wohl auf Besuch hier, Gretchen?« fragte er freundlich. – »Ja, bei Apothekers.«
»Nun, dann komm du heraus, Emilie, sage deiner kleinen Freundin: Grüß Gott!«