Schüchtern, wie immer, kam Emilie heraus und ließ sich von Gretchen begrüßen, während sie selbst nichts sagte, sondern ihre Kamerädin nur freundlich anstrahlte.

»Bei uns ist alles noch, wie es voriges Jahr war, nicht wahr?« sagte Herr Baumann, als er bemerkte, wie Gretchen sich im ganzen Zimmer umsah.

»Ja, nur sind die Fenster viel kleiner und das Zimmer niedriger geworden.« Die beiden Lehrer lachten. »Das glaube ich doch kaum,« meinte Herr Baumann, »eher denke ich, daß ihr in der Residenz höhere Fenster und Zimmer habt.«

»Die Kinder sitzen aber auch ganz anders als damals,« sagte Gretchen und musterte zuerst die Reihen der Mädchen, dann sah sie nach den Knaben. Ein lauter Ausruf des Erstaunens entfuhr ihr: »Der Schäfer-Hans ist der Erste geworden!« Dieser errötete über und über, als sich so die allgemeine Aufmerksamkeit auf ihn lenkte. Herr Baumann aber klopfte ihm freundlich auf die Schulter: »Ja, ja, bei uns heißt es: ›Die Ersten sollen die Letzten werden und die Letzten sollen die Ersten werden,‹ nicht wahr, Abenheim?« Der Abenheim, des Holzhackers Sohn, der der Erste gewesen war, saß jetzt nicht mehr vornen, er war aber auch sonst nirgends zu sehen. In den hintersten Reihen der Knaben aber erhob sich ein lautes Gelächter und auch der Lehrer lachte mit, denn der Abenheim, der sich nicht auf dem letzten Platz sehen lassen wollte, war unter die Bank geschlupft.

»Und wo sitzt denn Felix Acosta?« fragte jetzt Gretchen.

»Der Felix Acosta?« wiederholte Herr Baumann und wurde auf einmal ganz ernst und auch die anderen Kinder alle wurden still. »Liebes Kind, den suchst du vergeblich unter uns, hast du es nicht erfahren, daß er gestorben ist?«

»O nein, das habe ich nicht gewußt,« sagte Gretchen und es war ihr anzusehen, wie schmerzlich diese Nachricht sie ergriff.

»Ja, ja, mein Kind,« sprach der alte Herr ganz bewegt. »Gleich im Herbst, als die ersten kalten Winde kamen, wie er sie wohl in seiner Heimat nicht gewöhnt war, wurde er leidend. Er mußte viel husten und als der Winter kam, konnte er gar nicht mehr in die Schule gehen. Ich besuchte ihn oft bei seinen Verwandten, die ihn liebevoll verpflegten. Er ertrug seine Leiden geduldig und wenn man ihn fragte, wie es ihm gehe, sagte er immer: »Ganz gut,« und wurde dabei doch immer magerer und schwächer; gelt du weißt's auch noch, Hans?« sagte der Lehrer und als Gretchen nach dem Hans hinsah, bemerkte sie, daß er weinte.

»Ja, die beiden waren gar gute Freunde. So oft ich hinkam, traf ich den Hans am Bett und der Hans las ihm vor aus dem Buch, das du ihm gegeben hast, oder sie sahen die Bilder an aus dem Raubtierbuch. Seine Löwen mußte ich bewundern, so oft ich kam. Als ich wieder einmal zu ihm kam, standen seine Verwandten um sein Bett und klagten: ›Ach, daß das Kind so jung sterben muß!‹«

»Laßt ihn doch in Frieden ziehen,« sagte ich, »er will gewiß gerne in den Himmel kommen, wohin sein Mütterlein schon voraus gegangen ist.« Da schlug er seine Augen auf, sah mich mit einem leuchtenden Blick an und sprach: »So gerne, ach so gerne!«