Es war ein glücklicher Abend für Gretchen und sie wäre gerne viel länger als sonst aufgeblieben. Aber die Mutter tröstete sie: »Morgen ist wieder ein Tag und noch dazu ein recht schöner, denn Hermine hat versprochen, dich zu besuchen, und Fräulein Treppner hat sagen lassen, du möchtest nur gleich morgen zu ihr kommen, die Kanarienvögel hätten Eier gelegt.« Mit diesen schönen Aussichten konnte man wohl zu Bette gehen!

Als an diesem Abend die Mutter noch zu ihrem Töchterchen kam, um mit ihr zu beten, sagte sie: »Weißt du auch, was heute für ein Jahrestag ist, Kind?« Gretchen wußte es nicht. »Ich will dir's sagen. Heute ist der 10. April, an diesem Tag bist du voriges Jahr zum erstenmal in die Schule gegangen, weißt du es noch?«

»O ja, Mutter, ganz gut!«

»Sieh, nun hast du schon dein erstes Schuljahr hinter dir. Ist's schön gewesen?«

»Zuerst war's schön, dann war's eine zeitlang nicht schön – du weißt schon, Mutter, welche Zeit ich meine – und zuletzt war's wieder schön.«

»Nun wollen wir dem lieben Gott heute Abend noch miteinander danken für die schönen Zeiten und ich meine auch für die schwere Zeit, denn die hat meinem Töchterchen am meisten Segen gebracht. Und dann wollen wir ihn bitten, daß auch das nächste Schuljahr recht schön wird, oder, wenn's auch wieder schwere Zeiten bringen sollte, recht segensreich! Wollen wir das?« Gretchen stimmte von ganzem Herzen mit ein in der treuen Mutter Gebet, und in dem süßen Bewußtsein, wieder daheim zu sein im Elternhaus, schlummerte sie bald ein und schlief ruhig hinüber – ins zweite Schuljahr.


Von derselben Verfasserin sind ferner erschienen:

Gretchen Reinwalds letztes Schuljahr.