»Ja freilich, die hält noch lang, das ist eine ganz gute!« Und nun fühlte sich Gretchen schon wieder am Ärmel gepackt, lachend sah sie sich um: es war der Hans. Der sprach die großen Worte: »Du, da!« und reichte ihr den spitzigsten Griffel hin, den er gerade vorrätig gehabt hatte, dann sprang er davon. Jetzt aber machte sich auch die kleine Emilie geltend: »Komm,« sagte sie, »wir wollen zum Essen gehen, daheim werden sie schon warten auf uns.« Nun machte sich Gretchen los und ging mit Emilie fort und bald darauf saß sie beim Mittagstisch in der Apotheke. Da ging's ihr nun nicht schlecht! Sie war die kleine Hauptperson bei Tisch und nicht nur beim Essen, sondern auch nachher und nicht nur den einen Tag, sondern auch alle die andern. Was sie nur wollte, das wurde getan, und Gretchen, die zum erstenmal zu Gast war, fand das ein herrliches Leben. Im ganzen Städtchen kam sie herum, suchte all die altbekannten, lieben Plätzchen auf und traf überall gute Bekannte, die sie freundlich anredeten.
Nur ins eigene Haus, wo sie ihre erste glückliche Kinderzeit verlebt hatte, kam sie nicht. Dort wohnten jetzt ganz fremde Leute. Gretchen hätte gar zu gerne die lieben, wohlbekannten Räume wieder gesehen, und als sie einmal an dem Hause vorbei kam, stand sie lange still und sah sehnsüchtig hinauf. Es war ihr, als müßte der Mutter liebes Gesicht heruntersehen, wie so oft, wenn Gretchen sich früher vor dem Haus getummelt hatte. Und richtig – da ging das Fenster auf, aber eine ganz fremde Frau sah heraus und schüttelte ihr Staubtuch aus, gerade über Gretchens Kopf. Da ging Gretchen weiter, jetzt wußte sie's, daß dies Haus kein Heim mehr für sie war. Von diesem Tag an kam's wie leises Heimweh über sie und ganz im Stillen und Geheimen freute sie sich, bis Lene wieder käme und sie holte.
Die acht Tage waren schnell vorüber und Gretchen war's wie ein Traum, als sie mit Lene in der Bahn saß und der Residenz zufuhr. Sie freute sich unbeschreiblich auf das Heimkommen, aber sie mochte es der Lene nicht sagen, die mußte ja nun von ihren Eltern fort und war wohl sehr traurig.
»Was siehst du mich so ernsthaft an?« fragte jetzt Lene.
»Hast du weinen müssen, wie du von deinen Leuten fort bist, Lene?« – »Diesmal nicht,« antwortete Lene, »denke nur, mein Bruder kommt aufs Frühjahr in die Lehre zu einem Meister in der Residenz und eine von meinen Schwestern soll das Nähen dort lernen, vielleicht gerade bei der Schneiderin, die dein Osterkleid gemacht hat. Dann habe ich zwei Geschwister in der Stadt und meinen Eltern ist's so recht, daß ich dort bin.«
»O das freut mich,« rief Gretchen ganz vergnügt und nun schauten die beiden ungeduldig zum Fenster hinaus, ob nicht bald in der Ferne die Türme der Residenz auftauchen würden.
Die Eltern standen beide am Bahnhof, Gretchen sah sie schon vom Zug aus und so groß auch das Menschengedränge war, so fanden sie sich doch gleich, denn einen solchen Jubelruf, wie ihn Gretchen beim Anblick der Eltern ausstieß, konnte man doch nicht überhören. Wie schön war's nun, zwischen Vater und Mutter heimzuwandern, und wie behaglich, mit ihnen am Tisch zu sitzen und von der alten Heimat erzählen zu dürfen!
»Und wo ist's denn nun am schönsten?« fragte der Vater, »in Föhrenheim oder in der Residenz?« Einen Augenblick besann sich Gretchen, dann rief sie so recht aus warmem Herzen: »Immer da, wo ihr seid!«